Von der Willkommenskultur zur Integration

Wie kann die langfristige Einbindung der ankommenden Flüchtlinge in unsere Gesellschaft funktionieren?

Dialog zwischen den Kultur(en)

Dari, Paschtu, Mazedonisch, Urdu, Somali, Haussa – nur eine Auswahl der Sprachen, die aktuell in Flüchtlingsaufnahmen gesprochen werden. Für viele von uns völlig fremde Sprachen – so wie Deutsch für viele der Geflüchteten. Sprachkurse werden zum zentralen Element für Integration. Sprache ist der Schlüssel für Verstehen, kulturelle Bildung ist der Schlüssel für Verständnis. Über sie können wir die Kultur des anderen sehen, demokratische Grundwerte vermitteln und bestmöglich „zusammenwachsen“.

 

Mit der aktuellen Flüchtlingssituation stehen wir sogar vor einer mehrfachen Integrationsaufgabe: Die Aufnahme Hunderttausender aus den unterschiedlichsten Kulturen der Welt. Gleichermaßen gilt es die mitzunehmen, die sich auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt abgehängt fühlen. Nur durch echte Teilhabe unabhängig von Herkunft, Religion, finanziellen oder körperlichen Möglichkeiten schaffen wir gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir brauchen langfristige Lern- und Begegnungskulturen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Integration ist kein Drei-Jahres-Projekt.

 

Viele haben sich in der kulturellen Arbeit und Bildung auf den Weg gemacht und entwickeln kreative Ideen. Ansätze wie das Berliner Projekt „Interventionen“ holen nicht nur die Geschichten der Geflüchteten aus der Anonymität, sondern erzeugen Begegnungen mit jungen Menschen ohne Fluchthintergrund. Die Idee der Kulturmittler, die als Deutsche mit Migrationshintergrund zum Kulturübersetzer zwischen Flüchtlingen und eigenen Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn werden, ist ebenfalls ein gutes Beispiel für den Dialog der Kulturen. Hürden werden abgebaut, Ängste wandeln sich zu (inter)kultureller Verständigung. Ein Ziel, was uns für Integration und Inklusion grundsätzlich vor Augen liegen muss.

 

Kulturelle Bildung gehört in den Fokus. Kultur- und Bildungspolitiker müssen verstärkt an einem Strang ziehen. Das Kooperationsverbot muss fallen, um den Bund stärker in die Verantwortung zu nehmen, Länder und Kommunen besser in ihren Aufgaben zu unterstützen. Es geht um mehr als Investitionen in Gebäude und Forschungsmittel. Es geht um Investitionen in Menschen und die bestmögliche Gestaltung unseres Zusammenlebens.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 06/2015 erschienen.

Thorsten Schäfer-Gümbel
Thorsten Schäfer-Gümbel, MdL ist Fraktionsvorsitzender der hessischen SPD und stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD.