Voraussetzung Weltoffenheit

Der Integrationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Thomas Bellut, Intendant des ZDF, und Hans Jessen sprechen über die Bedeutung von Massenmedien für die kulturelle Integration.

 

Hans Jessen: Herr Bellut, im ZDF-Staatsvertrag steht: „Die Sendungen sollten der gesamtgesellschaftlichen Integration dienen“. Inte­gration ist also gesetzlicher Programmauftrag. Welche Rolle kann das elektronische Massenmedium ZDF im Integrationsprozess realistischer Weise einnehmen?

Thomas Bellut: Es ist eine zentrale Aufgabe des ZDF, überhaupt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, integrativ in der Gesellschaft zu wirken. Das ist keine Phrase, sondern wird in vielen aktuellen Diskussionen deutlich. Ich erinnere an die Debatte über das Schmähgedicht von Jan Böhmermann, in der wir über die Frage diskutiert haben, wie das auf die deutsch-türkische Minderheit wirkt? Sind da Stereotype drin, die eben diesem Integrationsziel widersprechen? Eine sehr komplexe Diskussion. Gerade in diesen Zeiten des Populismus ist es wichtig, das Thema Integration von allen Seiten zu beleuchten. Anders ausgedrückt: Es ist eine wahrhaft ehrenvolle Aufgabe, zu verhindern, dass Gruppen in der Gesellschaft separiert und diskriminiert werden.

 

Vor anderthalb Jahren hat der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ein öffentlich-rechtliches Integrationsfernsehen gefordert. Einen eigenen Integrationskanal, in dem auch deutsche Leitkultur vermittelt werden sollte. Hat dieser Vorschlag eine programmrelevante Wirkung entfaltet?

Der Vorschlag kam auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise. Wir hatten  bereits eigene unterschiedliche Angebote arabisch untertitelt und online angeboten: Nachrichtensendungen, auch die von Logo, Erklärfilme bis hin zu Dokumentationen. Es gibt gemeinsame Angebote mit der ARD und der Deutschen Welle, um diese Gruppe anzusprechen. Das hat in den ersten Monaten ganz respektabel funktioniert. Die Resonanz wurde aber immer schwächer. Entweder haben die Menschen, die ins Land gekommen sind, andere Informationsquellen, etwa im Netz, oder sie nutzen tatsächlich schon deutsche Medien. Genau wissen wir das nicht. Der Vorschlag eines eigenen Kanals ist nicht weiter verfolgt worden. Meine persönliche Auffassung ist, dass die Erfolgsaussichten einer solchen Unternehmung eher gering sind.

 

In den aktuellen Nachrichtensendungen berichten die öffentlich-rechtlichen wie auch die kommerziellen Sender über konkrete Ereignisse, z. B. in der Flüchtlingspolitik, auch über politische Debatten und Entscheidungen. Jenseits dieser Pflichtaufgaben – ist das ZDF eigenständiger Akteur im Integrationsprozess?

Wir sind als Medium Akteur. Wir hatten nicht nur die aktuellen Berichte, sondern auch viel Hintergrundberichte für die Zuschauer. Im letzten Sommer gab es eine interessante Reportage-Reihe „Mein Land – dein Land“, die wir fortsetzen wollen. Darin ging es ganz konkret um Migration und Integration in diesem Land. Unsere Reporter haben sich umgesehen etwa in der russischstämmigen Bevölkerungsgruppe in Leipzig, bei Vietnamesen in Berlin. Man nennt diese Form heute „Constructive Journalism“. Wir haben über Probleme berichtet, aber auch Lösungsansätze und Erfolge der letzten Jahrzehnte gezeigt. Das ist die Art, wie Medien Integration befördern können. In dieser Reihe, die übrigens noch in der ZDF-Mediathek zu sehen ist, ist das gut gelungen.

 

Es gibt immer noch Sendungen, vor denen sich große Teile der Zuschauer versammeln – man nennt das „Lagerfeuerfernsehen“. Das ist auch eine Form von Integration, wohl überwiegend der klassischen Mehrheitsgesellschaft. Lässt sich das im fiktionalen Bereich, also in Spielfilmen, auch auf Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen ausweiten?

Meine Erfahrung ist, gestützt durch Erkenntnisse der Medienforschung: Je besser die Menschen in die Gesellschaft integriert sind, desto stärker nehmen sie diejenigen Botschaften und Themen auf, die von der Mehrheit der Zuschauer in Deutschland aufgenommen werden. Gezielte Angebote für Minderheiten funktionieren dagegen meistens nicht. Man kann natürlich hin und wieder auch mal Migrationsthemen in Fernsehspielen behandeln, das haben wir auch getan. Aber das ist eben nur begrenzt möglich und sinnvoll. Es gibt bessere Möglichkeiten. Z. B., einen erkennbaren Anteil von Migranten unter den Moderatoren und Reportern zu haben. Das kann man bei uns schon lange und zunehmend auf dem Schirm beobachten. Und dieses Signal ist, nach meinem Eindruck, in der Gruppe der Migranten auch angekommen. Es ist auch beruhigend, dass das für die Zuschauer kein generelles Thema ist. Nur gelegentlich findet sich in der Zuschauerresonanz auch mal Kritik daran, dass z. B. beim Morgenmagazin zu viele Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten. Schwieriger als bei den „Bildschirm-Gesichtern“ ist es, auch im Management einen angemessenen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund zu haben. Daran müssen wir arbeiten. Wir hatten schon einmal, nach der deutschen Einheit, eine ähnliche Diskussion. Wie konnte das ZDF, der westdeutsche Sender, am Rhein gelegen, im Management und im Personal mehr Menschen aus Ostdeutschland hinzubekommen? Es hat fast 20 Jahre gedauert, bis wir dort erkennbare Erfolge erzielen konnten. Man sieht daran, dass es ein langer Weg ist. Für die Migranten ist es womöglich noch ein Stück schwieriger. Wir werden aber über gezielte Nachwuchsförderung, wie etwa unser Redaktionsvolontariat, auch diese Herausforderung annehmen.

 

Den öffentlich-rechtlichen Sendern wird, vor allem in Netz-Communities, vorgeworfen, sie würden Schönfärberei betreiben, z. B. in der Berichterstattung über Flüchtlinge, Asylbewerber und andere Migranten. Eine solche Wahrnehmung befördert ja nicht Integration, sondern blockiert sie eher. Wie gehen Sie damit um?

Das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. Unsere Redaktionen wollen kein Bild von einer Sonderwelt zeichnen, in der alles in Ordnung ist. Aber Journalisten leben in einer anderen Umgebung als viele aus unserem Publikum. Sie fühlen sich von Migranten nicht bedroht in ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Entwicklung. Aber Journalisten lernen aus dem, was sie berichten. Ich glaube, dass wir in der Flüchtlingskrise insgesamt ein annähernd korrektes Bild von der Wirklichkeit vermittelt haben. Dass zeitweise der Eindruck entstanden ist, das Verständnis sei größer gewesen als in einem Teil der Bevölkerung, lag auch an der besonderen Emotionalität der Bilder von Flüchtenden. Manche meinten, es seien nur Frauen und Kinder zu sehen gewesen. Es gab den Vorwurf, das Fernsehen hätte die jungen Männer ausgeblendet, obwohl auch diese gezeigt wurden. Im Rückblick kann man auch festhalten, dass sich die Wahrnehmung der Flüchtlingskrise in der Gesellschaft mit der Zeit mehrfach verändert hat. Daraus entstehen Diskussionen, denen wir uns stellen. Im Kern geht es da immer um den journalistischen Umgang mit Realitäten und Informationen. Man kann das auch am Beispiel der Vorfälle in der Silvesternacht vorletzten Jahres in Köln erläutern. Dem ZDF wurde vorgeworfen, wir hätten darüber nicht berichtet. Tatsächlich hatte die 19 Uhr heute-Sendung das damals versäumt. In den anderen Nachrichtensendungen und im Netz wurde berichtet. Ich meine, Journalisten müssen das Recht haben, sich erst einmal mit Vorfällen dieser Art zu beschäftigen. Wenn man die Vorzeichen ändert, besteht die Gefahr, dass man zu bereitwillig Informationen aufgreift, die sich im Nachhinein als haltlos herausstellen. Es gab nach Köln auch Berichte über angebliche Vorfälle in Kiel oder in Frankfurt, die sich später als falsch herausgestellt haben. Man sieht daran, dass man vorsichtig sein muss. Wir müssen sorgfältig überprüfen, ob wir die Wirklichkeit tatsächlich korrekt abbilden. Deshalb bin ich nicht bereit, Grundsätze über Bord zu werfen. Der Schutz von Minderheiten ist ein Thema, das sich auch in der Berichterstattung stellt. Sie brauchen den Schutz mehr als die Mehrheit der Gesellschaft.

 

Wenn wir den Begriff kulturelle Integration als Kriterium nehmen – auf welche Programmleistung des ZDF ist der Intendant besonders stolz?

Eine wichtige Voraussetzung für kulturelle Integration ist für mich Weltoffenheit. Ich freue mich, dass es uns immer wieder gelingt, Berichte aus anderen Ländern erfolgreich im Programm zu zeigen. Wir haben in der Gesellschaft einen ganz klaren Trend zum Ethnozentrismus: Menschen haben Furcht vor der Globalisierung und schätzen besonders das, was in ihrer unmittelbaren Umgebung stattfindet. Ich habe den Eindruck, dass internationale TV-Koproduktionen heute weniger gefragt sind, als das in den früheren Jahrzehnten der Fall war. Das wird uns aber nicht davon abhalten, weiter Angebote zu machen, die zeigen, dass wir Teil einer globalisierten Welt geworden sind, mit vielen Vor- und manchen Nachteilen. Da sind wir noch mal beim Kern der Rolle von Medien im Prozess der kulturellen Integration. Wir liefern Berichte, Informationen, Argumente.

 

Schlussfrage, Herr Bellut: Wenn jetzt die gute Fee mit dem goldenen Füllhorn kommt und sagt: „Für den Programmauftrag kulturelle Integration gibt es jetzt keine finanziellen Limits“. Könnten Sie spontan drei Projekte benennen, die Sie dann machen würden?

Das öffentlich-rechtliche System kann finanzieren, was es zur kulturellen Integration beitragen kann. Wenn ich als Bürger Bellut spreche, dann sage ich: Viel wichtiger war und ist, dass die Integration in der Gesellschaft tatsächlich gefördert wird, dass Sprachkurse angeboten werden, dass den Schulen geholfen wird. Selbstkritisch sage ich, dass wir das Thema Integration über viele Jahre wahrscheinlich nicht ausführlich genug behandelt haben. Sonst wären die Probleme der Flucht- und Migrationswellen, die es ja schon seit Jahrzehnten gibt, stärker im Bewusstsein der Menschen verankert und nicht – in Anführungsstrichen gesprochen – „eine große Überraschung“ gewesen. Aufgabe von Journalisten ist es, nicht nur auf die Politik und die Aktualität zu schauen, sondern auch Themen zu hinterfragen, die nicht auf der Agenda stehen. Wir haben uns vielleicht zu sehr eingenistet in einem Gefühl, es sei alles in Ordnung. Offenkundig war es das nicht. Es ist noch viel zu tun.

 

Herr Bellut, ich danke sehr.

Thomas Bellut & Hans Jessen
Thomas Bellut ist Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.