Spielfilme mit „besonderen“ Menschen

Filmische Inklusion und Integration – für die Mehrheitsgesellschaft

Der Spielfilmregisseur Eike Besuden spricht mit Hans Jessen über seine filmische Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.

 

Hans Jessen: Herr Besuden, Sie produzieren Spielfilme und Dokumentarfilme. Üblicherweise würde man wohl sagen: Filme über Behinderte und mit behinderten Menschen. Ist diese Bezeichnung richtig?
Eike Besuden: Die Bezeichnung ist zwar politisch korrekt, aber ich finde sie falsch. Ich mag das Wort „behindert“ überhaupt nicht, weil es absolut negativ konnotiert ist. Wenn ich irgendwo eine Behinderung erlebe, dann ist es etwas, was im Weg ist, was mich stört. Und das ist schon mal falsch. Wenn wir gedreht haben, haben wir immer das Wort „besonders“ benutzt. Die „besonderen“ Schauspieler – im Gegensatz zu den professionellen oder wie man die nennen möchte. Ein Wort, das sie abhebt von den anderen. Sie sind ja auch abzuheben. Aber das ist positiv besetzt.

 

Wie sind Sie zur Arbeit mit „besonderen Schauspielern“ gekommen?
Angefangen hat es bei „buten un binnen“, dem Fernsehregionalmagazin von Radio Bremen. Dort war ich Reporter und sollte über zwei Vereine in Bremen berichten, die sich während der Psychiatriereform in den 1980er Jahren gründeten, um Kulturarbeit zu machen. Die sagten: „Was du mit deinem Arzt machst, mach mit deinem Arzt. Was du an Unterbringung brauchst und Versorgung, mach mit irgendwelchen anderen Leuten. Wir machen zusammen Kultur. Wir singen zusammen, wir machen Schauspiel zusammen, wir malen zusammen, wir bauen Masken zusammen. Wir verreisen zusammen. Alle möglichen Sachen, die sich kulturell irgendwie bezeichnen lassen, machen wir.“ Zum normalen Leben gehören – das war der Sinn dieser Psychiatriereform. Das war für mich damals völlig fremd. Ich habe ganz große Augen gemacht, was das für Leute sind, wie sie miteinander umgehen und was die für wunderbare Bilder erzeugen können mit ihren Masken, ihren Verkleidungen und ihren Theaterstücken.
Ich bin immer wieder gern dahin gegangen, weil ich merkte, du kannst mit den Leuten besondere Geschichten erzählen. Die sind anders als „normale“ Menschen, denen du ein Mikrofon hinhältst. Sie erzählen anders, sie haben eine andere Emotion. Sie kommen auf andere Ideen dabei. Es ist eine Bereicherung im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Wie aber wurde aus dem Reporter der Produzent von Kinofilmen, in denen Corinna Harfouch und Dominique Horwitz mitspielen, bedeutende deutsche Schauspieler? Das passiert ja nicht in einem Sprung?
Nein. Es entwickelte sich kontinuierlich. Das Entscheidende für mich war die Theaterproduktion „Faust“, die in Bremen entstand. Das hat mich nochmal überrascht, dass die sich trauen, Goethes Faust auf die Bühne zu bringen mit diesen „besonderen“ Schauspielern. Noch mehr hat mich das Ergebnis überrascht. Es war so witzig, so berührend, so einfangend, dass ich am Ende dachte, über dieses Schauspiel will ich mehr machen als den geplanten Dokumentarfilm. Gemeinsam mit dem Regisseur des Stücks habe ich überlegt: Wie kann man das auf die filmische Ebene eines Spielfilms heben? Ich hatte bis dahin noch nie einen gemacht. Das war für mich absolutes Neuland. Es war alles zu groß, zu neu, zu viel für mich. Ich habe mich selbst total überfordert. Aber ich war so begeistert von der Idee, dass ich mir nichts aus der Hand nehmen lassen wollte.

 

Der Glaube versetzt Berge?
Ja, aber ich habe Ewigkeiten gebraucht, bis es soweit war. Dann haben wir angefangen, ein Drehbuch zu schreiben: „Verrückt nach Paris“. Parallel dazu haben wir schon versucht, bekannte Schauspieler mit ins Boot zu holen, weil klar war, wenn wir das nur mit „besonderen“ Schauspielern machen, dann ist die Hürde für Zuschauer sehr hoch. Da konnten wir mit bekannten Namen ein bisschen Wattebäuschchen rechts und links legen. Corinna Harfouch, Martin Lüttge, Hermann Lause, Hella von Sinnen – ich habe sie blind angeschrieben und gefragt, ob sie Lust hätten, auch wenn es nur kleine Rollen wären. Sie haben alle zugesagt, weil sie auch interessiert sind, mal was anderes zu machen als den vierten Liebesfilm fürs Fernsehen. Die meisten haben für weniger Gage gearbeitet, als sie sonst bekommen. Die größte Herausforderung musste der – jetzt sage ich doch mal – „nichtbehinderte“ Hauptdarsteller Dominique Horwitz bewältigen. Er hatte es wirklich schwer, gegen diese authentischen Leute anzuspielen.

 

Also nicht, wie man denken könnte, dass es für die „Behinderten“ schwer wäre, mit dem Profi mitzuhalten, sondern eigentlich war es für den Profi schwieriger?
Genau, es ist für den Profi schwieriger, weil er diese Authentizität nicht hat. Die „Besonderen“ sind so klar und eindeutig – sie können jemanden so darstellen, wie es wirklich nur sehr brillante Schauspieler vermögen. Dominique Horwitz hat das sehr gut gelöst. Er ist richtig reingewachsen. Hinterher sagte er: „Es hat mein Leben verändert, weil ich dadurch einen anderen Bezug zu den Menschen gekriegt habe.“
Der Weg zu diesem Film war ziemlich steinig. Das Schwierigste, wie immer beim Filmemachen, war, das Geld zusammenzukriegen. Leute, die das Geld geben sollen, müssen daran glauben, dass diese „besonderen“ Schauspieler tatsächlich anderthalb Stunden Kino tragen können. Und dass sie Zuschauer begeistern können. Es war völlig unklar, ob das funktionieren würde. Vergleichbares hatte es zu dem Zeitpunkt – 2001 – im deutschen Kino noch nicht gegeben. Es liefen mal Fernsehstücke über Einzelpersonen, aber keine Kinofilme. Das war meine persönliche Odyssee 2001.

 

Was bei Ihren Filmprojekten geschieht, würde man wohl „Inklusion“ nennen, also gemeinsame Arbeit mit Behinderten. Lässt sich das in Beziehung setzen zu dem, was wir heute als Integration diskutieren?
Mir fällt es schwer, mit diesen Begriffen umzugehen. Bei Integration denke ich, dass jemand, der von draußen in eine Gruppe kommt, integriert wird. Ich würde sofort fragen: Wieso eigentlich draußen? Da muss überhaupt nichts integriert werden. Sie müssen am alltäglichen Leben beteiligt werden – wie alle anderen auch. Ich muss versuchen, mein eigenes tägliches Leben so hinzukriegen, dass ich kein komisches Gefühl habe, wenn ich an der Haltestelle stehe und es kommt ein „besonderes“ Grüppchen, dass ich nicht denke, oh ja, das sind also solche … Dann gehe ich lieber ein bisschen zur Seite, weil sie irgendwelche Sachen machen könnten – vielleicht fassen sie mich sogar an oder reden mit mir. Das möchte ich nicht, da gehe ich lieber zur Seite. Wir müssen lernen, damit umzugehen und diese Vorbehalte, diese Angst zu verlieren und sie einfach mit rein zu nehmen. Und sie auch nicht besonders, sondern ganz normal zu behandeln. Die müssen das nicht lernen.

 

Sie waren dabei, als in Berlin die 15 Thesen der „Initiative kulturelle Integration“ vorgestellt wurden. Lässt sich aus der besonderen Form von Arbeit, die Sie bei der Filmproduktion leisten, etwas lernen oder verbinden mit dem, was in der aktuellen Integrationsdebatte diskutiert wird?
Ich glaube, es ist immer sinnvoll, Grenzen und Übergänge zu sehen und dort anzusetzen. Wir haben gerade einen neuen Film produziert, „All Inclusive“. Meine Zielrichtung sind nicht die Behinderten, auch nicht die Klientel drumherum. Es sind vor allen Dingen die, die mit dem Thema eher nichts zu tun haben wollen, weil hier das Problem der Ausgrenzung deutlich wird. Da muss ich ran, eine Verbindung herstellen, die Grenzen erkunden: Wo sind die Schwierigkeiten? Meistens sind es Vorbehalte, Angst aus Unkenntnis. Menschen denken, da würde etwas passieren, was man nicht berechnen kann, was man nicht will. Aber es ist nicht so. Man muss sich drauf einlassen und dann sind es wirklich ganz normale Leute.

 

Ausgrenzung, Angst aus Nichtwissen und vor dem Fremden, das sind auch klassische Begriffe in der Migrationsdebatte.
Ja. Wenn ich heute höre, sie kommen aus Nordafrika, dann klappt doch sofort was zu. Dann klappt auch so was wie „Köln“ zu. Klar, aber das löst nichts. Bei dem Wort „Behinderte“ klappt etwas anderes zu. Auch das hilft nicht weiter. Wir müssen Übergänge und Zusammenhänge herstellen. Das kann ich, wenn ich mein Metier angucke, am ehesten leisten, indem ich demjenigen, der Vorbehalte hat, etwas zeige, was ihm möglicherweise den Weg erleichtert und diese Vorbehalte ein wenig nimmt. Im Film heißt das: eine Geschichte erzählen. Die ist möglichst auch ein bisschen witzig, auch wenn sie nicht am Problem vorbei gucken darf. Ich will sie nicht in Watte packen. Ich will sie aber auf eine Art und Weise präsentieren, die mir als Fremdem die Möglichkeit gibt, vielleicht das nächste Mal auf die „Besonderen“ zuzugehen und mit ihnen mal ein Wort zu reden und mir etwas von ihnen anzuhören.

 

Wenn man Ihre Filmproduktion als Integrationsarbeit begreift, besteht die offenbar weniger darin, diese „besonderen“ Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren, sondern eher denjenigen, die Mehrheitsgesellschaft sind und Abwehrangst oder Fremdheit empfinden, Wege zu zeigen, das offener annehmen zu können?
Ja. Die „Besonderen“ kriegen schon ihre Hilfe. Ich biete ihnen hier die Möglichkeit, in einem Film mitzuarbeiten. Das ist schön und besonders für sie. Aber die eigentliche Zielgruppe ist auf der anderen Seite, weil da der größere Nachholbedarf beim Lernen besteht.

 

Was hat sich in diesen 17 Jahren, seitdem Sie diese Arbeit in Spielfilmform machen, an gesellschaftlichen Reaktionsweisen verändert? Ist da mehr Offenheit, mehr Bereitschaft? Oder eher das Gegenteil, vielleicht auch unter dem Eindruck frischer Ängste vor zu viel Fremdem?
Ich glaube, dass sich sehr wenig geändert hat und dass sich viel mehr ändern könnte. Die Medien spielen da eine große Rolle, weil sie ihren Zuschauern zu wenig zumuten, sie auch zu wenig überraschen und zu wenig bieten, um diesen Lernschritt zu machen, den man eigentlich machen müsste. Beispielsweise gab es eine TV-Reihe „Zeig mir deine Welt“ mit Kai Pflaume und Leuten mit Down-Syndrom. Kai Pflaume ist zu jemandem hingegangen, hat sich sein Zuhause und Lebensumstände zeigen lassen, ist mit dem „Besonderen“ dann in seinen Sportverein gegangen… Und das war dann eine Riesennummer. Ich gucke mir diese Serie an und denke, verdammt nochmal. Das ist zwar gut, aber es ist auch ein Trick, den sie da anwenden, indem sie vier Folgen machen über vier Down-Syndrom-Leute. Das sind die mit den freundlichen Kulleraugen, die immer lachen, die immer gute Laune verbreiten. Und dann sagen sie: „Ja, wir haben doch diese Reihe mit den Behinderten gemacht.“ Mit einem ganz kleinen Ausschnitt von Behinderten! Sie würden es nicht mit irgendeinem, der im Rollstuhl sitzt und sich krampft, machen. Letztlich halbherzig.
Bei dem neuen Film „All Inclusive“ habe ich allein deswegen bewusst keinen Down-Syndrom-Schauspieler in die Truppe mitgenommen.

 

Der Plot von „All Inclusive“: Ein Behinderter erbt ein Hotel und entschließt sich, das mit seinen Freunden, einer Mischung aus behinderten und „normalen“ Menschen, weiterzuführen. Man ahnt, welche schrägen Situationen entstehen. Sie haben in Bremen den Pilotfilm gedreht, eigentlich steckt dahinter die Idee, daraus eine Serie fürs Fernsehen zu machen. Wie sind die Reaktionen bisher?
Bisher gibt es Reaktionen nur von Zuschauern. Bei den Sendern liegt es jetzt auf den Schreibtischen. Zuschauer finden den Film wunderbar. Sie ins Kino reinzukriegen, das ist manchmal immer noch ein bisschen schwer. Das hat mit der Klientel zu tun, die wir erreichen wollen – nämlich die, die mit der Thematik wenig zu tun haben. Aber wenn sie den Film sehen, sind sie begeistert.
Wir gehen mit dem Film auch in Schulen. Da sind in der Regel so zwischen 150 und 250 Schüler. Ich komme dann mit zwei, drei Schauspielern. Ich hätte nicht gedacht, dass das so blitzsauber läuft. Die Schüler sind konzentriert und interessiert, stellen Fragen. Wir sind bisher nie unter einer halben Stunde Gespräch rausgekommen. Und sie wollen alle eine Abstimmung am Ende: „Wollt ihr den zweiten Teil sehen?“ – „Ja“. Also inhaltlich bei Zuschauern, egal welchen Alters, läuft das prima.

 

Zu wie viel Prozent trifft der Begriff „kulturelle Integration“ auf das zu, was Sie machen?
Der trifft vollständig zu in dem Moment, wo wir die anderen erreichen, die wir erreichen wollen. Wenn wir das nur für die Behindertenszene machen, fällt er raus. Dann ist es viel weniger effektiv. Wir müssen auf die andere Seite kommen. Dann findet der Prozess kultureller Integration statt.

 

Dankeschön.

Eike Besuden & Hans Jessen
Eike Besuden ist ein deutscher Regisseur, Produzent, Dokumentarfilm-und Drehbuchautor. Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.