Neue Perspektiven eröffnen

Theresa Brüheim im Gespräch mit Ekrem Şenol, dem Herausgeber von "MiGAZIN"

Theresa Brüheim: Was ist MiGAZIN, Herr Şenol?

Ekrem Şenol: Das MiGAZIN erklärt sich am besten anhand seiner Gründungsgeschichte. Ausgangspunkt für die Gründung des MiGAZIN war eine innere Unzufriedenheit. Obwohl es in den Mainstream-Debatten häufig um »meinen Migrationshintergrund« ging, war ich nur Zuhörer der Diskussionen. Ich selbst war weder Akteur, noch hatte ich die Möglichkeit, meine Meinung einzubringen. Nach meiner Meinung wurde ich allenfalls gefragt, wenn Journalisten und Redaktionen – also andere – meinten, das könnte interessant sein. Ich wollte aber nicht passiver Teil dieser Debatte sein, sondern sie aktiv mitgestalten und mich zu Wort melden, wenn ich das für richtig halte. Ansonsten würde weiter an meinen Interessen und Argumenten vorbeidiskutiert werden. Ein auf Dauer unerträglicher Zustand.

So entstand die Idee, ein Magazin zu gründen, das weitere Perspektiven in die hiesigen Migrations- und Integrationsdebatten hineinträgt. Also ist das MiGAZIN ein Podium für Menschen, die eine Meinung haben und sie einbringen möchten, die aber nicht unbedingt im Fokus der Mainstream-Medien stehen. Zugleich ist das MiGAZIN ein Fachmagazin, das sich thematisch auf Migrationsthemen konzentriert und in diesem Bereich mehr Hintergrundinformationen bietet als die klassischen Medien es können.

 

Sie sagen, Sie wollten Leute ansprechen, die sich in den klassischen Medien nicht wiederfinden. Diese wiederum können MiGAZIN mitgestalten. Was heißt das genau? Kann sich jeder Interessierte an Sie wenden, um einen Beitrag zu schreiben? Wie sind die redaktionellen Strukturen?

Schon wenige Monate nach der Gründung des MiGAZIN Ende 2008 haben wir festgestellt, wie groß das Potenzial ist und wie viel Nachfrage tatsächlich besteht. Wir waren nicht die Einzigen, die das Gefühl hatten, in den Debatten übergangen zu werden. Aus diesem Bedarf heraus haben wir MiGAZIN geöffnet. Wir haben das Projekt „MiGMACHEN“ ins Leben gerufen. Jeder Interessierte, der sich an den Debatten beteiligen möchte, kann sich an uns wenden. Wir setzen keine journalistischen Kenntnisse, handwerkliche Fertigkeiten in diesem Bereich voraus. Uns sind die Gedankengänge, persönlichen Erfahrungen und Empfindungen sowie Argumente viel wichtiger. Wir arbeiten gemeinsam daran, die Gedanken aufs Papier zu bringen und diese zu veröffentlichen.

 

Das heißt, MiGAZIN hat eine feste Redaktion mit Redakteuren, die dann mit freien Autoren bzw. Laien zusammenarbeiten, mit diesen die Texte erstellen und redigieren?

MiGAZIN ist kein klassisches Medium mit festen Redaktionsräumen und -strukturen. Aufgrund der Entstehungsgeschichte sind wir verstreut über das gesamte Bundesgebiet. Durch das „MiGMACHEN“ sind immer Neue hinzugekommen – natürlich begleitet von einer hohen Fluktuation. Viele gehen, viele kommen. Im Laufe der Zeit hat sich aber ein Kernteam gebildet. Wir sorgen dafür, dass der Betrieb am Laufen bleibt. Wenn neue MiGMACHER hinzukommen, die nicht so viel Erfahrung haben, besteht unsere Aufgabe darin, entweder die selbst zu betreuen oder an erfahrene andere Autoren weiter zu delegieren. Wir sprechen auch von einer Mentorenschaft. Wir verknüpfen Erfahrene mit Anfängern. Wir haben aber auch oft die Situation, dass erfahrene, gestandene Journalisten aus den großen Medien an uns herantreten und sagen: „Ich habe einen super Text, kriege ihn aber bei mir in der Zeitung nicht unter. Könnt ihr den veröffentlichen?“ Das ist ein Glück für das MiGAZIN, zeigt aber auch ein großes Problem auf.

Die Zahl der Journalisten mit Migrationshintergrund ist in den klassischen Medien zwar stetig gestiegen, aber unterm Strich wird veröffentlicht, was der Chefredakteur abnimmt. Und dieser schaut in der Regel danach, ob der Text sein Zielpublikum interessiert. Und leider stellen wir fest, dass dieses Zielpublikum in Deutschland immer noch keinen Migrationshintergrund hat. D. h., dass viele Texte abgelehnt werden, weil sie zu speziell sind, nicht zu der Linie passen oder vom „deutschen Leser“ als provokativ empfunden werden könnten. Das ist keine Diskussion auf Augenhöhe, weil andersherum auf Empfindungen von Minderheiten ja auch selten Rücksicht genommen wird. Insofern ist das MiGAZIN als eine Ergänzung der Mainstream-Medien zu verstehen. Hier entscheidet nicht der Chefredakteur über den Text, sondern der MiGMACHER selbst. Die Kernredaktion achtet lediglich darauf, dass ein Text inhaltlich reif ist, der Netiquette entspricht, um bei MiGAZIN veröffentlicht zu werden. Das ist auch das, was MiGAZIN für den Leser so interessant macht, die Authentizität.

 

Schreiben denn dann hauptsächlich Migranten zu migrantischen Themen im MiGAZIN?

Nein. Absolut nicht. Das MiGAZIN ist nicht so konzipiert, dass Migranten für Migranten schreiben, nein. Damit hätten wir unser Ziel verfehlt, ein Teil der öffentlichen Debatte zu werden. Wir haben eine Leserbefragung durchgeführt und das Ergebnis kann sich für ein Fachmagazin zum Thema Migration durchaus sehen lassen: 51 Prozent unserer Leser haben einen Migrationshintergrund und 49 Prozent haben keinen. Auch die Redaktion ist gut durchmischt, wir haben sehr viele und sehr erfolgreiche MiGMACHER ohne Migrationshintergrund.

 

Welche Themen behandelt MiGAZIN?

„Schuster, bleib bei deinem Leisten.“ Das ist unser Motto. Wir kennen uns in Migrationsthemen gut aus, da können wir mitreden und lassen uns in diesem Bereich auch nichts vormachen. Deshalb ist unser Fokus ganz klar darauf ausgerichtet. Dennoch ist die Themenpalette ziemlich breit. Das liegt vor allem an dem schwammigen Begriff „Integration“. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche.

 

Wie eben gesagt: Integration ist ein Thema, das sich durch alle Lebensbereiche zieht. Was bedeutet für Sie im Kontext von MiGAZIN Integration?

Wenn beispielsweise über die Mietpreisbremse debattiert wird, schalten wir uns ein und fragen, ob und wie sich das Vorhaben des Gesetzgebers möglicherweise auf Migranten auswirkt. Denn es ist gesicherte Erkenntnis, dass Migranten aufgrund ungünstigerer Ausgangsbedingungen und Diskriminierungen für gleichen Wohnraum häufig höhere Mieten zahlen müssen als der Durchschnitt. Oder: Als der Bundeswahlleiter kürzlich die Zahl der wahlberechtigten Bevölkerung bei den Bundestagswahlen veröffentlichte, riefen wir dort an und wollten wissen, wie viele der Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund haben. Wir fragen nach solchen Veröffentlichungen häufig nach Zahlen im Migrationskontext. Häufig reagieren die Statistikämter oder auch Stiftungen und Institute nach Studienveröffentlichungen überrascht auf unsere Anfrage. Oft können sie uns zwar keine Zahlen liefern, geloben aber Besserung, was dann häufig auch eintritt. Die Rolle des MiGAZIN ist es damit auch, in bestimmten Bereichen zu sensibilisieren. Im sechsten Pflegebericht der Bundesregierung im Dezember 2016 beispielsweise werden die besondere Ausgangslage und Situation von Migranten nur an drei Stellen kurz erwähnt, in der Pressemitteilung überhaupt nicht. Da setzen wir an und fordern die Regierung auf, in diesem Bereich noch viel mehr zu tun.

 

Haben sich die Arbeit beziehungsweise auch die Inhalte von MiGAZIN seit der Flüchtlingskrise 2015 verändert?

Selbstverständlich. Vor Eintritt der Flüchtlingsbewegungen Richtung Europa haben wir Migranten und deren Kinder im Fokus gehabt, die bereits seit vielen Jahrzehnten in Deutschland leben. Es ging beispielsweise darum, wie man deren Schulleistungen anheben kann. Über globale Migrationsbewegungen haben wir allenfalls eher „abstrakt“ und „entfernt“ berichtet. Heute reden wir über Menschen, die neu eingewandert sind. Wir diskutieren nicht mehr über die Anhebung der Schulnoten, sondern über die Einschulung.

 

Haben Sie das Gefühl, seitdem kommen mehr Leute auf Sie zu und wollen für MiGAZIN gerade über dieses Thema schreiben?

Das Thema hat sich schon etabliert, klar. Es kommen Leute auf uns zu, die speziell darüber schreiben möchten. Aber die Anfragen kommen in der Regel in Wellenbewegungen. Immer dann, wenn ein Thema besonders breit und groß diskutiert wird in der Öffentlichkeit, ist auch das Interesse der MiGMACHER groß, darüber zu schreiben. Ob das die doppelte Staatsbürgerschaft, das Erlernen der deutschen Sprache oder eben die Migrationsbewegung aus den afrikanischen Ländern ist. Das sind immer Schübe.

 

Wo sehen Sie MiGAZIN in Zukunft? Was wünschen Sie sich für MiGAZIN?

Wir haben MiGAZIN komplett ehrenamtlich mit einer Null-Finanzierung gestartet. Wir haben in Eigenregie einen Redaktionsplan aufgestellt, die Internetseite gestaltet und programmiert etc. Damals war es tatsächlich noch so, dass wir froh waren, wenn wir den Nachrichtenfluss bewerkstelligen konnten. Heute geht unser täglicher Newsletter prall gefüllt pünktlich vor dem Frühstück heraus. Inzwischen sind wir dank Werbeeinnahmen und Leserspenden semiprofessionell aufgestellt. Den Nachrichtenfluss können wir mit Agenturtexten anreichern sowie die laufenden technischen Ausgaben decken. Der nächste Sprung wäre natürlich in die Professionalität. Wir haben immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir langsam, aber gesund wachsen. Wir sind auf einem guten Weg. Redaktionell kann ich mir durchaus vorstellen, das MiGAZIN als monatliche Beilage in einer großen Tageszeitung herauszugeben. Uns wird oft die Frage gestellt: „Sehen Sie überhaupt eine Zukunft fürs MiGAZIN? Irgendwann hat sich das Thema doch erledigt.“ Das sehen wir anders. Das Thema ist keine Modeerscheinung, das irgendwann wieder verschwindet. Dem MiGAZIN werden die Themen also nicht ausgehen, so lange es Migrationsbewegungen gibt. Und die werden bekanntlich nicht weniger, sondern mehr.

 

Das ist doch ein guter Schlusssatz. Ich danke Ihnen für das Interview, Herr Şenol.

 

Ekrem Şenol & Theresa Brüheim
Ekrem Şenol ist Gründer und Heraus-geber von MiGAZIN. Theresa Brüheim ist Chefin vom Dienst von Politik & Kultur.