Kultur ist mehr als die Herkunft

Hans Jessen im Gespräch mit Ska Keller, der Vorsitzenden der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament

Hans Jessen: Frau Keller, das EU-Parlament, Vertreter von 28 Nationen, bedeutet selbst schon kulturelle Vielfalt. Wie arbeitet dieses Parlament zusammen? Ist das eine durchgängige politisch-kulturelle Integration? Oder gibt es auch Schwierigkeiten?

Ska Keller: Im Parlament teilen sich die Abgeordneten nicht nach Ländern, sondern nach Fraktionen, nach politischen Meinungen. Man sortiert sich nicht nach der Frage: Wo komme ich her? Sondern: Was denke ich, was will ich? Z. B. haben wir bei den Grünen 51 Mitglieder aus ganz Europa. Wir sind alle grün. Das bringt uns zusammen. Wir unterhalten uns nicht über: „Oha, wie läuft das so bei euch in den Niederlanden?“, sondern wir unterhalten uns gemeinsam darüber, wie wir europäische Politik gestalten wollen. Ich glaube, dass das ein gutes Beispiel für Integration sein kann, man arbeitet gemeinsam an etwas, auf ein gemeinsames Ziel hin. Dann ist es egal, woher man kommt.

 

Im Moment hat man den Eindruck, dass Europa, das ein Europa der kulturellen Vielfalt sein soll, in den einzelnen Mitgliedsstaaten eher wieder in kulturelle Eigenarten zerfällt. Der politische Erfolg der Rechtspopulisten gibt dafür deutliche Signale. Woran liegt das?

Wir haben eine große kulturelle Vielfalt in Europa. Wir haben schon eine große kulturelle Vielfalt in Deutschland. Ich komme aus Brandenburg – wenn ich nach Baden-Württemberg fahre, dann habe ich schon Schwierigkeiten, die Leute nur zu verstehen, rein sprachlich. Wir haben große kulturelle Unterschiede, auch innerhalb von einzelnen Mitgliedsstaaten. Kulturelle Vielfalt ist aber etwas sehr Bereicherndes, sie macht uns alle insgesamt stärker. Kultur ist viel mehr als die Herkunft. Natürlich spielt das eine ganz große Rolle, aber Kultur ist alles, was ich denke, was ich tue, was ich als normal empfinde, das ist letztendlich Kultur. Da geht es nicht nur um Herkunft.

 

Aber es ist doch offenbar so, dass in vielen europäischen Ländern Menschen sich von dieser Vielfalt, die noch breiter wird durch Migranten und Flüchtlingszuwanderung, überfordert fühlen und sagen: So viel wollen wir nicht. Sie wollen sich abschotten.

Ja, weil den Leuten immer wieder erzählt wird, dass es nur eine Identität geben kann, dass man nur Schwedin oder Deutsche sein kann, aber nicht gleichzeitig Europäerin. Aber das ist absurd. Ich bin Brandenburgerin und gleichzeitig habe ich einen deutschen Pass. Da steht auch noch „Europäische Union“ drauf. Eine Identität schließt die andere nicht aus. Man kann vieles gleichzeitig sein. Deswegen glaube ich, dass kulturelle Vielfalt keine Bedrohung ist, sondern eine Bereicherung und dass sie nicht dazu führt, dass man die eigenen Identitäten aufgeben muss oder sollte – auch wenn es Parteien und Politiker gibt, die ein Interesse daran haben, da einen Keil rein zu treiben.

 

Haben Widerstände in einzelnen Staaten gegen Integration etwas mit der Zahl und Verteilung von Zuwanderern zu tun? Die EU macht eine eigene Flüchtlingspolitik. Sie sind die migrationspolitische Sprecherin Ihrer Fraktion. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Flüchtlingspolitik und gelungener gesellschaftlicher kultureller Integration?

Die Frage, wie Flüchtlinge ankommen, ist total wichtig für die Integration. Wenn sie z. B. jahrelang, monatelang auf den griechischen Inseln oder in Notunterkünften hocken müssen, und das Gefühl haben, sie seien nicht willkommen, sie werden nicht ernst genommen, sie müssen immer den Behörden hinterherrennen, die interessieren sich nicht für ihr Schicksal, sondern gucken nur auf irgendwelche Papiere, dann erschwert das die Integration. Wenn Menschen ihre Familie nicht nachholen können, wenn die noch in Syrien sitzen und bombardiert werden – da kann man sich nicht ordentlich integrieren. Wie soll man da den Kopf frei haben für Sprache lernen? Man hat eine Motivation zur Integration, wenn man das Gefühl hat, hier bleibe ich. Hier bleibe ich gerne und hier sind Leute, die sind cool, also will ich mit denen reden, also muss ich die Sprache lernen. Die Art und Weise, wie wir das Ankommen von Menschen gestalten, ist ganz wichtig.

 

Jetzt sieht sich Europa konfrontiert mit einem Zustrom von Menschen außereuropäischer, kulturell weit entfernter Herkunft. Syrienflüchtlinge oder Flüchtlinge aus dem afrikanischen, nordafrikanischen Raum. Ist das vielleicht eine Überforderung dessen, was die traditionelle deutsche Bevölkerung an Integration zu leisten hat oder leisten kann?

Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist auch tatsächlich nicht einfach. Die Leute sind nicht herkommen, weil sie sagen: „Hey, wir finden Deutschland großartig oder Schweden oder Belgien, deswegen kommen wir mal.“ Sondern die mussten fliehen. Die wollten gar nicht weg von zu Hause. Das fällt niemandem leicht. Es ist eine ganz große Herausforderung, sowohl für die Flüchtlinge selbst als auch für die aufnehmende Gesellschaft. In der Tat hatten wir bis jetzt nicht viel Migrationserfahrung aus Syrien. Das ist nicht einfach, aber es ist keine Überforderung. Wir haben in der gesamten Europäischen Union grob geschätzt 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, auf 500 Millionen Einwohner in der Europäischen Union. Das sollte doch machbar sein. Man muss natürlich auch dafür sorgen, dass es Sprach- und Integrationskurse gibt. Man muss den Leuten erklären, was das hier mit dem ganzen Papierkram auf sich hat, wie man Telefonverträge abschließt und so weiter. Und dass man genau hingucken muss, was man da unterschreibt, auch wenn man denkt, in Deutschland ist alles super geregelt, hier muss doch alles funktionieren. Das sind einfache, aber wichtige Beispiele.

 

Wenn Sie sich mit Ihren europäischen und über Europa hinausreichenden Erfahrungen von kultureller Vielfalt Deutschland angucken: Welche drei, vier, fünf Begriffe, Zielsetzungen sind wichtig, damit innerhalb von Deutschland kulturelle Integration möglich ist?

Für Integration ist erstens immer extrem wichtig: Sprache, Sprache, Sprache. Aber auch eine Willkommenskultur in dem Sinne, dass man den Leuten sagt: „Ihr seid hier willkommen, wir wollen euch hier haben“. Und dass die Leute den Kopf frei haben können, z. B. durch Familiennachzug. Ganz, ganz wichtig. Dass man den Leuten nicht solche Hürden in den Weg legt, die sie zweifeln lassen, ob sie jemals hier ankommen werden. Das Ankommen ist wichtig. Und natürlich eine möglichst schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Aber auch nachbarschaftliche Integration. Einfach, dass sich die Nachbarschaft kümmert, dass es Leute gibt in der Kita, die sich kümmern. Das, was wir gerade sehen in ganz Europa, die ganzen kleinen Initiativen, die sich überall darum kümmern, dass Flüchtlinge, die in die Wohnung kommen, Möbel kriegen. Die dafür sorgen, dass das Kind den Schulweg findet und die bei den Hausaufgaben helfen. Das ist ein weiteres Kernstück von Integration.

 

Wenn dann aber Politiker und Bürger sagen, wollen wir alles gerne machen, das geht aber nicht mit einer unbegrenzten Zahl von Migranten, Zuwanderern, wenn gesagt wird, eine gewisse Höchstgrenze an Zuwanderung sei Voraussetzung dafür, dass kulturelle Integration überhaupt gelingen kann?

Zuwanderung kann man begrenzen, aber nicht Flucht. Wenn wir eine ordentliche Einwanderungspolitik hätten, dann könnte man sagen, es gibt legale Einwanderung von Menschen, die hier arbeiten wollen, da kann man dann mit Zahlen jonglieren, bitte schön. Aber bei Fluchtfragen kann man das nicht machen. Wenn ein Mensch fliehen muss, dann muss der fliehen. Man kann nicht sagen: „Sorry, aber die Grenze ist leider erreicht, du musst in Aleppo bleiben“. Das geht nicht. Der Mensch muss fliehen, sonst ist sein Leben in Gefahr.

 

Dieses zu akzeptieren ist eine Forderung, auch eine kulturelle Anforderung an die, die hier schon länger relativ sicher leben?

Ja, es kann keine Obergrenze für Flüchtlinge geben. Das wäre komplett gegen die Menschenrechte, gegen internationales Recht. Man stelle sich vor, wir müssten mal fliehen. Vor nicht allzu langer Zeit ist das auch passiert. Und dann würden andere sagen: „Sorry, das ist gerade zu viel. 80 Millionen Deutsche, wo wollt ihr überall hin?“ Und wir sollten nie vergessen, wir sind in einer ziemlich komfortablen Situation. Mit all den Problemen, die wir innerhalb der Europäischen Union haben, auch Armut, sind wir immer noch, verglichen mit dem Rest der Welt, einer der reichsten Kontinente. Deswegen finde ich es fatal, wenn jetzt die Mitgliedsstaaten beschließen wollen, einen Schutzwall um die EU zu bauen und zu sagen: Hier, Libyen, du machst das, Ägypten, Türkei, ihr macht das alle schon, ihr kümmert euch alleine um die Flüchtlinge, wir kommen leider damit nicht klar. Das ist doch ziemlich absurd.

 

Dankeschön.

Ska Keller & Hans Jessen
Ska Keller, MdEP ist Vorsitzende der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament. Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist, er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.