Bernd Fabritius & Theresa Brüheim - 9. August 2017 Logo_Initiative_print.png

Interview

Heimat ist mehr als ein geografischer Ort


Die Rolle der Vertriebenen bei der Integration

Teilen Vertriebene Erfahrungen mit den heute zu uns kommenden Geflüchteten? Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, im Gespräch mit Theresa Brüheim.

 

Theresa Brüheim: Herr Fabritius, Sie sind ursprünglich Siebenbürger Sachse und nach Schulabschluss gemeinsam mit den Eltern nach Deutschland ausgewandert. Was bedeutet Heimat für Sie?
Bernd Fabritius: Eine Heimat bedeutet für mich der Ort, in dem ich selbstverständlich bin, in dem ich zu Hause bin, in dem ich mich nicht erklären muss. Heimat ist der Ort der bekannten Gerüche, der Töne, der Verstecke, es ist ein Ort von Emotionen – und für mich ganz, ganz wichtig.

 

Das heißt, Heimat ist für Sie ein geografischer Ort?
Heimat ist mehr als ein geografischer Ort. Ich habe eine Heimat, das ist Siebenbürgen, ein geografischer Ort. Dort bin ich aufgewachsen. In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, kenne ich jeden Strauch, jede Pfütze, wenn Sie so wollen. Ich weiß, wie die Stadt heute riecht, auch wenn ich nicht dort bin. Auch München ist meine Heimat. Das ist auch ein geografischer Ort. Ich könnte auch zu München das sagen, was ich zu Siebenbürgen geschildert habe. Heimat ist aber auch die Gemeinschaft, in der ich bin. Z. B. wenn ich die Siebenbürger Sachsen in Kanada besuche und dort eine Küche erlebe, die auch meine Küche ist, wenn ich einen Dialekt höre, der auch mein Dialekt ist, wenn ich Witze höre, die erzählt werden und Sachverhalte betreffen, die ich selbst kenne, wenn wir Geschichten erzählen, unsere Vergangenheit, und das ist auch meine Geschichte, dann ist das für mich auch Heimat. Also Heimat kann auch eine Gemeinschaft sein.

 

Was bedeutet es, von dieser Heimat getrennt zu sein?
Das ist wie, wenn Sie einen Baum nehmen und ihn entwurzeln und dann hoffen, dass Sie ihn anderswo wieder einpflanzen können. Die Metapher funktioniert eigentlich sehr, sehr gut, auch für die folgende Integration. Wenn der Baum noch nicht zu groß ist, wenn der noch nicht vollständig entwickelt ist und wenn Sie möglichst viel von den Wurzeln mitnehmen, dann wächst er vermutlich auch in einer neuen Umgebung an. Wenn das nicht so ist, dann ist das schwierig. Wenn Sie jemanden von der Heimat trennen, dann trennen Sie ihn eigentlich von einem ganz wesentlichen Stück der eigenen Identität. Von ihr getrennt zu sein, heißt eine Gefährdung der Identität.

 

Sie sind der Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV). In der Charta der deutschen Heimatvertriebenen steht: „Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten. Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, dass das Recht auf die Heimat als ein Grundrecht der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird“. Hier wird das eben Geschilderte deutlich. Aber wie kann man dieses Recht auf Heimat garantieren?
Das Recht auf Heimat ist nach meiner festen Überzeugung ein Menschenrecht. Es ist damit geschützt von allen Verträgen – nur taugen Verträge als Schutz nur bedingt. Ich denke, wir bewahren das Recht auf Heimat am besten dann, wenn wir uns ganz dezidiert gegen Vertreibung und gegen ethnische Säuberungen aussprechen. Und wenn wir die Vielfältigkeit des Heimatbegriffes realisieren und schützen. Wir schützen Heimat und Identität, wenn wir jedem Menschen die selbst empfundene kulturelle Identität belassen. Das ist ein Plädoyer für Integration, gegen Assimilierung. Das ist besonders in diesen jetzigen Zeiten wichtig. Ich denke, es ist auch für heutige Opfer von Flucht und Vertreibung ganz wichtig, dass sie ihre eigene kulturelle Identität als Heimat bewahren, oder um ein ganz plakatives Beispiel zu nennen: Es wäre grundfalsch, wenn wir versuchen würden, aus einem Syrer einen authentischen Bayern zu machen. Die Menschen, die heute kommen, sollen innerhalb ihrer eigenen Identität in unsere Gesellschaft integriert werden. Das ist auch ein Stückchen Heimatschutz.

 

Welche Parallelen gibt es zwischen der Fluchterfahrung deutscher Heimatvertriebener und heutiger Geflüchteter aus Syrien etc.?
Die Frage ist ganz wichtig. Denn die beiden Sachverhalte, also die Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg, die ethnischen Säuberungen nach dem 2. Weltkrieg und die heutigen Vertreibungsgeschehen sind in dem persönlichen Trauma-Empfinden der Betroffenen vergleichbar. Sie sind in dem Bruch der individuellen Biografien absolut vergleichbar. Aber damit endet es. Vergleichbar sind sie eben genau in dem Punkt, dass Menschen aufgrund ethnischer Säuberungen von jetzt auf gleich all das, was Heimat ausmacht, unter Zwang verlieren. Das ist eine unglaubliche Verletzung der eigenen Identität und der Lebensbiografie. Es besteht allerdings überhaupt keine Vergleichbarkeit, wenn ich an notwendige Integrationserfordernisse oder auch nur Aufnahmebedingungen denke. Man muss sich klarmachen, dass die Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg nach heutigen Maßstäben Binnenflüchtlinge gewesen sind. Sie sind aus einem Teil des damaligen Deutschlands in einen anderen Teil Deutschlands vertrieben worden. Sie kamen zu Brüdern und Schwestern. Sie haben die gleiche Sprache gesprochen. Sie hatten vielfach die gleiche Konfession. Sie hatten die gleiche Religiosität. Sie hatten überhaupt kein Sprachproblem. Es gab keine Problematik der beruflichen Anerkennung. Ein plakatives Beispiel: Wer nach dem 2. Weltkrieg als gelernter Schlossermeister mit einem Prüfungszeugnis der IHK Breslau nach Frankfurt kam, der hatte keinerlei Integrationsprobleme. Man hat gewusst, was er kann. Es war, wie wenn heute jemand aus München nach Frankfurt geht. Wenn Sie allerdings die heutigen Opfer von Flucht und Vertreibung sehen, dann stimmt das alles nicht. Die Menschen kommen aus der völligen Fremde. Und sie kommen in eine für sie völlige Fremde, in der sie sich nicht so leicht zurechtfinden. Sie verstehen unsere Sprache nicht. Sie können noch nicht einmal die Lebensmittelschilder im Supermarkt lesen. Wenn sie ein Zeugnis über eine abgeschlossene Schlosserausbildung vorzeigen, um bei dem Beispiel zu bleiben, dann können wir das gar nicht lesen, weil es noch gar nicht in unseren Schriftzeichen ausgefertigt ist. Und wir wissen, auch wenn wir es übersetzen, nicht, was wirklich dahintersteckt. Wer diese gravierenden Unterschiede in den Integrationsrahmenbedingungen ausblendet und von einer Gleichmacherei spricht, der kann nur auf dem Holzweg landen.

 

Heißt das für Sie, dass es in unserer Gesellschaft stärkere Integrations- und Aufnahmebemühungen geben muss?
Ich stimme zu. Aber das bedeutet nicht, dass wir unsere Heimat verändern müssen, um sie dem anzupassen, was die Opfer von Flucht und Vertreibung verlassen haben. Beispielsweise bin ich nicht bereit, auch nur eine Handbreit an der Gleichberechtigung der Geschlechter preiszugeben, weil Menschen, die heute kommen, der Meinung sind, man müsse einer Frau die Hand nicht geben, man müsse sich von einer Ärztin nicht behandeln lassen oder man könne als Eltern in der Schule den Aufstand pflegen, wenn die Lehrerin eine Frau ist oder wenn angeordnet wird, dass Buben und Mädel gemeinsam Sportunterricht machen. Wir müssen dort auf keinen Fall unsere Heimat verändern und anpassen. Das wäre falsch verstandene Integration. Sondern wir müssen Verständnis dafür wecken, dass Menschen, die sich zu uns retten, das gerne tun sollen, aber sie müssen auch unser Umfeld als ihres akzeptieren wollen. Das ist für mich eine Grundvoraussetzung gelingender Integration.

 

Wie können denn deutsche Heimatvertriebene bei dieser Integration helfen?
Wir können das selbstverständlich und tun es auch schon ganz aktiv. So betreiben wir als BdV 16 Migrationsberatungsstellen für Erwachsene in zehn Bundesländern. Und diese haben wir ausdrücklich auch für die heutigen Opfer von Flucht und Vertreibung zur Verfügung gestellt. Es kommen zwar noch die meisten Spätaussiedler als Ratsuchende, aber etwa 45 Prozent der Menschen, die unsere Beratungsstellen aufsuchen, kommen aus Syrien oder anderen Verfolgungsgebieten. Sie kommen, weil sie wissen, dass sie bei uns offene Ohren und Herzen finden, eben weil wir zu dieser Empathie aufgerufen haben und selbst wissen, wie es sich anfühlt, Heimat zu verlieren. Wir können natürlich bei allen Fragen des Alltags helfen. Ich denke, das sind die wichtigsten Punkte, wenn Menschen zu uns kommen. Sie wollen wissen, wo man sich anmeldet, was man macht, wenn die Tochter krank ist, wie man in Deutschland einen Telefonanschluss bekommt, ob und wo man arbeiten kann … Also ganz praktische Fragen des Alltags, die wir mit Verständnis klären können.

 

Welche Rolle spielen Vertriebene und ihre Nachfahren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer von Flüchtlingskrisen geprägten Zeit?
Aus meiner Sicht spielen die deutschen Heimatvertriebenen eine sehr, sehr große Rolle, gerade auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Weil wir aus eigener Erfahrung sagen können, dass es nicht negativ sein muss, wenn man sich auf Neues einlässt. Wir haben selbst erfahren, wie das war. Wir können auch die deutsche Gesellschaft daran erinnern, dass vor einigen Jahrzehnten über 15 Millionen Deutsche das gleiche Schicksal einer Vertreibung, einer ethnischen Säuberung erlebt haben und wir damals froh gewesen sind, eine neue Heimat zu finden. Genau das können wir heute in die gesellschaftliche Analyse einbringen. Um nochmal die Vergleichbarkeit an einzelnen Punkten darzustellen: Gleich nach dem 2. Weltkrieg sind aus der Tschechischen Republik Menschen in geschlossenen Zügen nach Deutschland gekommen, meist nach Bayern. Da sind z. B. 500 Menschen in einem Dorf gelandet, in dem vorher auch nur 500 Menschen gelebt haben. Es ist zu einer Verdoppelung der Bevölkerungszahl gekommen. Und es gab die Möglichkeit, dass Protestanten in ein rein katholisches Dorf gekommen sind und umgekehrt. Ich denke, dass vor 70 Jahren der konfessionelle Unterschied vielleicht genauso bedeutsam war wie heute der religiöse Unterschied. Trotzdem hat man sich daran gewöhnt. Man hat festgestellt, dass Menschen, wenn man die Betrachtung von Ideologie befreit, eigentlich auch nur Menschen sind und dass man zusammenwachsen kann. Ich denke, wenn wir diese Erfahrung einbringen, dann klappt es heute auch mit den neuen Nachbarn.

 

Vielen Dank!


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