Die Mauer im Kopf

Ein kultureller Integrationsbericht: Von Syrien über Libanon und Tunesien in die DDR

Marwan Salamah arbeitet als Kameramann und Dokumentarfilmregisseur. Er erzählt Hans Jessen seine Geschichte kultureller Integration.

 

Hans Jessen: Herr Salamah, Sie leben seit 40 Jahren in Deutschland – sind Sie in die deutsche Gesellschaft integriert?

Marwan Salamah: Ja, auf jeden Fall. Aber ich könnte das nicht mit mathematischer Genauigkeit beschreiben. Vom Gefühl her bin ich in Berlin, in Deutschland zu Hause. Ich habe mich mehrmals bei kleinen Sachen erwischt, z. B. wenn die deutsche Mannschaft Fußball spielt und ein Tor schießt. Dann ist die Freude bei mir riesig groß. Manche gucken mich dann an: „Hallo, das sind die Deutschen?“ Ich sage: „Ja, und? Deshalb.“ Ich weiß nicht, ob man dazu „integriert“ sagen kann.

 

Sie sind palästinensischer Herkunft, in Syrien geboren, dort aufgewachsen, zur Schule gegangen. Sie haben zum engeren Kreis um den PLO-Führer Yassir Arafat gehört. 1976 wurden Sie in die DDR geschickt. Sie sollten Kamera studieren, um für die PLO Filme zu drehen. Das war ein klarer Auftrag. Warum sind Sie trotzdem nach einigem Hin und Her in Deutschland geblieben?

Der Hauptgrund sind meine Kinder. Ich habe zwei Töchter, mit einer deutschen Frau. Die sind meine Welt. Auch hätte ich mit den Kindern, mit der deutschen Familie, nicht im Libanon oder in Tunesien leben können. Außerdem ist mir früh klar geworden, dass ich niemals auf Menschen schießen würde. Es gibt ein Foto, da stehe ich in einer PLO-Gruppe. Alle recken ihre Fäuste mit den Kalaschnikows hoch. Nur ich in der Mitte halte meine Kamera hoch. Ich wusste immer: Die Kamera, das ist meine Waffe.

 

Sie haben ab 1976 die DDR kennengelernt. Sie sind aus einer völlig anderen Kultur gekommen, aus der arabischen, und dann landen Sie in der DDR. Wie fremd war das? Und wie verlief Inte­gration in den ersten Jahren?

Die Kultur war für mich nicht so fremd. Natürlich, die Sprache war fremd. Ich war eher neugierig, Leute kennenzulernen. Bestimmte Sachen zu lernen … speziell die DDR. Selbst für jemanden im Westen war das eine andere Kultur. Obwohl es Deutsch ist, dieselbe Sprache, waren es trotzdem zwei Welten. Und für mich war das natürlich extrem. Ein kleines Beispiel: Ich war gewöhnt, ins Restaurant einfach reinzugehen, einen Tisch zu suchen und mich hinzusetzen. In Leipzig ging das gar nicht. Man musste an der Tür stehenbleiben und wurde platziert. Das war für mich fremd. Oder mit dem Bus zu fahren, mit der Straßenbahn, all diese Kleinigkeiten. Das muss man lernen. Der Umgang mit Terminen, viel Bürokratie auch. Diese Welt musste ich erstmal neu kennenlernen. Und vor allem die Sprache.

 

Wie wichtig ist Sprache für Integration? Für Sie persönlich und darüber hinaus?

Ich finde, ohne die deutsche Sprache gibt es keine Integration. Durch die Sprache habe ich Leute kennengelernt. Ich habe Freunde gewonnen, deutsche Freunde. Und es sind richtige, echte Freunde. Wir sind seit 35 Jahren befreundet. Wir feiern zusammen, wir diskutieren über persönliche Sachen, über Beruf, über das ganze Leben. Wie hätte ich die denn als Freunde gewinnen können, wenn ich die Sprache nicht kenne?

 

Wir reden über kulturelle Integration, ein schwieriger Begriff. Als Kameramann arbeiten Sie im Feld der Kultur. Ist dadurch die Integration in die Gesellschaft leichter geworden? Oder hat das keine Rolle gespielt?

Doch, das hat eine große Rolle gespielt. Ich fange mal bei meinem Studium an, das war die Filmhochschule in Babelsberg. Die Studenten oder die Dozenten selbst, sie haben alle mit Kultur zu tun. Und das ist auch eine Qualität, diese Menschen sind anders. Wenn ich woanders gelandet wäre, vielleicht in einem Betrieb mit massenhaft Leuten – man weiß nicht, wie das gegangen wäre. Z. B. zwei meiner besten Freunde hörten gern klassische Musik. Die hatte ich auch schon gehört, ehe ich nach Deutschland kam. Aber hier war das alles mehr vertieft. So bin ich immer mehr reingekommen in diese Kultur. Wenn einer mir gesagt hat: „Mensch, ich habe gestern ein tolles Stück im Maxim-Gorki-Theater gesehen, geh mal hin“, dann habe ich das gemacht. So war das für mich und so ist es heute noch. Wenn ich jetzt im ARD-Hauptstadtstudio mit Redakteuren unterwegs bin, sind das auch kultivierte Leute und sie bleiben in meiner Nähe. Ich erfahre sehr viel und ich fühle mich gleich geborgen. Das gibt mir eine Art Sicherheit.

 

Kultur, in Form von Musik, Theater oder Film, hilft nach Ihrer Erfahrung bei der Integration. Es geht aber auch um Integration in eine bestimmte Kultur als Lebensweise. Da meinen Sie, man muss Mauern im eigenen Kopf niederreißen. Was bedeutet das?

Ja, natürlich. Als ich gekommen bin, waren mir bestimmte Sachen völlig fremd. Z. B. der erste Sommer hier. Da sagte ein Freund: „Komm, wir gehen schwimmen.“ Ich dachte, es ist nahe Babelsberg, Potsdam, da sind schon sehr viele Seen. Aber er sagte: „Nein, nein, wir nehmen die Fahrräder und fahren ein Stückchen weiter. Da ist ein FKK-Strand. Da ist ein bisschen mehr Ruhe.“ Ich habe zuerst nicht verstanden, was FKK ist. Als wir ankamen, musste ich erstmal schlucken. Wie verhalte ich mich jetzt? Das gab es vorher nie in meinem Leben. Splitternackt in der Öffentlichkeit. Da sind Frauen, da sind Männer… Dann habe ich mich überwunden. Ich musste mir sagen, du probierst es jetzt. Nach zehn Minuten war alles normal. Da merkte ich, das ist wirklich wie eine Mauer im Kopf. Wenn man die niederreißt, funktioniert es.

 

Die Debatte um kulturelle Integration wird intensiviert durch die große Zahl der Flüchtlinge, die gekommen sind. Viele aus Syrien, Ihrer ursprünglichen Heimat. Haben Sie mit denen Kontakt? Konnten Sie Tipps oder Empfehlungen geben, damit ihre Integration vorankommt?

Ich bin niemandem begegnet, den ich aus Syrien kannte. Aber ich habe viele Leute getroffen, z. B. durch meine Arbeit, bei Drehs mit Asylbewerbern, in Heimen und manchmal auf der Straße. Den Jugendlichen sage ich dann: Sprache, Sprache, Sprache. Erstmal die Sprache lernen. Dadurch können sie weiterkommen. Sonst passiert gar nichts. Meine Erfahrung mit diesen Leuten ist: Sie sind sehr jung und sie wollen alles, was sie 20 Jahre lang in Syrien versäumt haben, nachholen, sich auch austoben. Sie wollen alle studieren, sie wollen alles lernen, sie wollen arbeiten, sie wollen die Sprache lernen.

Neulich haben wir beim CSU-Parteitag in München gedreht und waren hinterher essen. Als wir zurückgingen, hörte ich auf der Straße arabische Musik. Es waren so etwa 15 Jugendliche, die arabisch getanzt haben. Ich habe sie fotografiert und mit meinem Handy gefilmt. Sie standen alle um mich herum und es war eine schöne Diskussion. Ich habe allen gesagt: „Ihr seid tolle Jungs. Ihr müsst die Sprache lernen. Ohne die Sprache kommt ihr nicht weiter. Und jeder von euch will doch was werden.“ Man muss mit denen Geduld haben und richtig viel arbeiten. Ich glaube, diese jungen Leute werden innerhalb von drei Jahren integriert sein.

 

Mussten Sie für Ihre Integration Ihre ursprüngliche Identität aufgeben?

Nein. Aber vom ersten Tag in Deutschland an habe ich angefangen, zu sortieren. Es gibt in dem, was ich das arabische Erbe nenne, gute und schlechte Seiten. Ich sage immer, die arabische schlechte Seite habe ich weggelassen, z. B. unpünktlich zu sein, über Leute zu reden oder einfach nur rumzusitzen, nicht irgendwie tätig zu sein. Es ist schrecklich für mich, zwei oder drei Tage lang nur rumzusitzen. Aber die guten Seiten wie die Gastfreundschaft, die Hilfsbereitschaft, die Aufgeschlossenheit und die arabische Weltkultur, die habe ich bei mir und das bleibt.

 

Woran erkennt man, ob ein Mensch integriert ist? Gibt es da eine Checkliste?

Nein, ich glaube nicht. Das läuft wie ein Fluss, langsam und fast unmerklich, aber irgendwann kommt der Punkt, wo etwas anders ist. Auch in der Sprache, und in der Denkweise. Ich habe mal einen Freund in Syrien besucht, wir haben auf Arabisch diskutiert. Plötzlich sagt er, er versteht mich nicht. Ich frage: „Wieso denn nicht?“ Er sagt: „Du redest nicht mehr so wie wir.“ Ich frage: „Was meinst du denn?“ Er sagt: „Manchmal habe ich das Gefühl, du bist ein Engländer oder Deutscher, der seinen Text ins Arabische übersetzt.“ Bei solchen Sachen frage ich mich: Ja, wie denn jetzt?

 

Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil für Sie, dass da eine neue Mischung von Identitäten entsteht?

Das ist auf jeden Fall ein Gewinn für mich. Diese Mischung, also besser geht es gar nicht. Wenn man, wie gesagt, von beiden Seiten nur das Positive nimmt.

 

Was sagen Sie Menschen, die in Deutschland Angst davor haben, dass eine kulturelle Überfremdung stattfindet, z. B. durch die große Zahl von Muslimen, die hierherkommen? Es gibt politische Bewegungen, die davon profitieren. Was sagen Sie denen?

Ich sage, das ist Quatsch. Diese verschiedenen Kulturen, davon kann Deutschland gewinnen. Ob das Esskultur ist, ob das Musik ist oder anderes. Aber es ist keine Einbahnstraße, es muss auch aus der anderen Richtung was kommen. Araber, die müssen auch ihren Kindern die Chance geben, die Kultur und alles, so wie es hier ist, auszuprobieren, auszuleben.

 

Also keine Parallelgesellschaft.

Nein, nein. Das müssen sie verstehen. Und das ist auch wieder diese Mauer im Kopf.

 

Was können Kulturorganisationen tun, damit Kultur als Integrationsfaktor funktioniert?

Veranstaltungen organisieren, die Menschen zueinander bringen. Das ist immer noch das größte Problem: Leute begegnen sich nur auf der Straße – von weitem, jeder hat seine Welt. Aber wenn man miteinander zusammensitzt und sich kennenlernt, egal was man vorher gedacht hat, dann funktioniert es besser. Die Deutschen verstehen das Problem mit den Asylsuchenden oder den Ausländern dann besser, auch als Mensch. Und umgekehrt, die Araber oder die Asylbewerber verlieren die Angst vor den Deutschen…

 

Araber haben Angst vor den Deutschen?

Ja, das ist so. Neulich habe ich beim Einkaufen in einem arabischen Laden einen getroffen. An der Kasse kamen wir ins Gespräch. Und er sagte: „Wer weiß, wie lange die Deutschen uns in Ruhe lassen. Und sie werden uns umbringen usw.“ Ich sage: „Wer sagt denn das? Wie kommst du denn dadrauf?“ – „Ja, das hat einer gesagt, weil es hier Leute gibt, die das wollen.“ Gemeint waren AfD und Pegida. Da ist schon die Angst da.

 

Ist es für Migranten mit arabischem oder muslimischem Hintergrund schwierig, zu begreifen, dass Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Israel und zum Judentum hat?

Für viele ja. Sie haben in ihrer Sozialisation von früh an gelernt: die Juden, das sind unsere Feinde. Das sitzt tief. Ich nehme jeden Besucher aus der arabischen Welt mit zum Holocaustmahnmal, sage aber nicht vorher, was das ist. Dann gehen wir durch dieses Stelenfeld und ich frage hinterher: „Wie hast du dich gefühlt?“ Als Antwort kommt meistens: „eingeengt, bedrängt, unfrei“. Dann erzähle ich ihnen, woran das Mahnmal erinnert, an sechs Millionen ermordete Juden, für die Hitler-Deutschland verantwortlich war. Oft merke ich, wie dann in ihrem Kopf etwas zu arbeiten beginnt.

 

Sie haben am Anfang gesagt: „Ich bin integriert.“ Gibt es den Punkt, wo Sie sagen: Jetzt ist meine Integration abgeschlossen? Oder geht das noch weiter?

Ich weiß eigentlich nicht, ob ich integriert bin. Also ich weiß, dass ich ganz normal lebe. Mit meiner Arbeit, mit meinen Kollegen, mit meinen Freunden, mit meinen Kindern, mit allem Drum und Dran. Das ist für mich Normalität. Vielleicht kann man daran erkennen, dass ich integriert bin? Weil ich mich nicht mit diesem Problem beschäftige. Vielleicht zum Schluss noch ein Beispiel aus DDR–Zeiten. Ich war einen Tag in Westberlin, ich musste einen Farbfilm von Kodak entwickeln lassen, das ging nur dort. Zurück an der Grenze musste ich wie alle anderen meinen Pass zeigen. Ich hatte damals einen algerischen Pass. Alles war okay, dann kam der Zoll. Und dieser Zoll-Typ fragte mich: „Pass.“ Da habe ich wieder meinen Pass gezeigt. Er fragte mich, was ich dabeihabe. Ich erzählte von den Fotos. Er: „Wo wollen Sie hin?“ Ich sagte: „Nach Hause.“ Er: „Ach, nach Algier?“ Ich: „Nein, nach Pankow.“ Das hat mich eine Stunde an Fragen gekostet, ich war fast eine Stunde eingesperrt. Ich hatte das ganz ohne zu überlegen gesagt. Ich wohne in Pankow, da ist meine Frau, da sind meine Kinder. Da ist mein Schlafzimmer, mein Fernsehapparat. Da bin ich zu Hause.

 

Danke.

Marwan Salamah & Hans Jessen
Marwan Salamah ist Kameramann und Dokumentarfilmregisseur. Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.