Wie geht das „neue Wir“?

Kulturpolitik und kulturelle Bildung zwischen Selbstkritik und Verantwortung

 

Jedes Politikfeld hat sein Mantra. Das unsrige lautet: „Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik!“ Man fühlt sich ganz gut dabei: Die eigene Arbeit ist wichtig und man übernimmt Verantwortung. Wenn es aber hart auf hart kommt, kann man sich auf die Freiheit und die Kritikfunktion der Kunst berufen, darauf, dass Kultur zwar ein Labor mit Ernstfallcharakter ist – aber eben nicht der Ernstfall selbst. Doch je rauer der Wind im gesellschaftspolitischen Diskurs weht, umso unruhiger wird die See für uns Kulturmenschen. Stürme entstehen, weil die Sonne die Luft unterschiedlich aufwärmt. Aufgewärmte Luft dehnt sich aus, der Luftdruck steigt. Die Luft strömt von Gebieten mit hohem Luftdruck in Gebiete mit niedrigem Luftdruck – je größer die Druckunterschiede sind, umso schneller. Privilegien und Sanktionen, Wärme und Kälte, Hochs und Tiefs sind auch in der Gesellschaft zunehmend unterschiedlich verteilt. Das verursacht nicht nur Unwetter, sondern auch Fliehkräfte entlang sozialer Divergenzlinien, die sich zu Gräben vertiefen, in denen die Böen zuweilen Orkanstärke erreichen.

 

Raus aus der Komfortzone
Das jüngste Theatertreffen der Jugend begann mit einem Eklat. Bei der Eröffnung stellten sich die eingeladenen Produktionen gegenseitig im Rahmen künstlerischer Inszenierungen vor. Dabei agierte eine der Gruppen in einer Art und Weise, die als rassistisch übergriffig empfunden wurde und fand sich öffentlich mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert. „Wir als Berliner Festspiele gehen davon aus, dass es sich um einen unreflektierten Akt handelt, der vor Augen führt, dass auch Teile der Welt des Jugendtheaters nicht klüger sind als die Gesellschaft als Ganzes“, schreiben Leiterin und Intendant in einem Statement auf der Festivalhomepage.

 

Im April zog die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, die Nominierung eines Theaterprojektes für den Sonderpreis für kulturelle Projekte mit Geflüchteten zurück, nachdem Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Projektes israelfeindliche Aktivitäten vorgeworfen worden waren. Ihr Sprecher erklärte, so ein Artikel in der Berliner Zeitung vom 19. April 2016: „Die Aussöhnung mit den Juden und dem Staat Israel ist für die Bundesrepublik Deutschland Staatsräson und nicht zuletzt im Hinblick auf die Integration Geflüchteter in die deutsche Gesellschaft ein Aspekt, der in Fragen der kulturellen Integration nicht verhandelbar ist.“

 

Man könnte die Reihe der Beispiele fortsetzen mit dem Wirbel um das „Schmähgedicht“ oder um das Projekt „Aghet“ der Dresdner Symphoniker. Und auf einmal – verwundert reiben wir die Augen – ist Kultur doch der Ernstfall. Wir blicken auf unsere Seekarten und fragen uns, ob sie noch stimmen, oder ob es doch der Kompass ist, den wir neu justieren müssen. Stimmen das Selbstbild mit seinen formulierten Ansprüchen und Verantwortlichkeiten im Feld der Kultur mit den angesichts gesellschaftlicher Anforderungen notwendigen Haltungen und Handlungen überein?

 

Kulturelle Bildung und Kultur im eigenen Spiegel
Im April hat der Sprecherrat des Deutschen Kulturrats eine Stellungnahme mit dem Titel „Integration braucht engagierte Menschen und stabile Strukturen“ verabschiedet, die sich den „langfristigen Herausforderungen der Integration“ mit Fokus auf bürgerschaftliches Engagement widmet. Sie greift eine Resolution vom September 2015 auf. Exemplarisch sollen im Folgenden anhand dieser Stellungnahme selbstkritisch eigene Haltungen und Ansprüche im Feld der Kultur(ellen Bildung) angerissen werden.

 

Sprache ist Macht und schafft Realitäten. Beginnen wir daher zunächst mit einem Blick auf die verwendeten Begriffe, die derzeit auch in vielen anderen Texten zu finden sind: Mit dem Begriff „Integration“, oft verbunden mit Formulierungen wie „Verbindendes und Trennendes“, scheint eine Gesamthaltung auf. Sie wirkt wenig einladend, weil sie im Sinne einer Wir/Sie-Dichotomie eher ein distanziertes, wenn nicht sogar als konfrontativ zu bezeichnendes Bild der (kulturellen) „Begegnung“ mit Geflüchteten zeichnet. Der darin mitschwingende Integrationsauftrag ist letztlich einseitig.

 

Die Leitkulturdebatte wurde, das zeigen unter anderem die Veröffentlichungen in der Ausgabe Politik & Kultur 06/2015, von einer Kulturdebatte zu einer Werte- und Regeldebatte. Sie scheint auch in der Stellungnahme vom 8. April 2016 auf, die neben der Kunstfreiheit betont, dass die Pflege kultureller Bräuche unter Akzeptanz „hier geltender Regeln“ erfolgen müsse. Wird hier indirekt eine Befürchtung geäußert, nämlich, dass hier geltende Regeln unter Umständen eben nicht eingehalten würden und auch die Kunstfreiheit infrage stehe – und wenn ja, durch wen? Warum werden damit verbundene Sorgen nicht klar ausgesprochen?

 

Kulturelle Bildung und Kultur als Begegnungsfläche
Wir sollten die zum Ausdruck gebrachten Fragen und Vorbehalte nicht ignorieren, sondern dazu einen ehrlichen und wo nötig kontroversen Diskurs führen: Konflikte und Konfrontationen aushandeln, um Kompromisse und Konsens ringen. Geht es doch um weit mehr als um den Umgang des Kulturbereichs mit dem Phänomen Flucht und Asyl, nämlich um seine Verantwortung und Potenziale für eine vielfältige Gesellschaft, die als lebendiges „Wir“« funktioniert. In der kulturellen Bildung geht es beispielsweise darum, ein gesellschaftspolitisches Leitbild weiterzuentwickeln und Ansprüche zu formulieren, die – zumindest langfristig gesehen – realisierbar sind. Veränderungsprozesse brauchen ihre Zeit und ihre Räume für Öffnungs- und Aushandlungsprozesse, die nicht immer bequem sind.

 

In einem zukunftsfähigen Leitbild gehören der Begriff der Integration und das damit noch immer weit verbreitete Denken der einseitig bei Einwanderern und Einwanderinnen liegenden Aufgabe abgelöst. Das Paradigma eines weiten Inklusionsbegriffs, der die besonderen Bedürfnisse und Potenziale aller berücksichtigt und vor allem jener, die von unterschiedlichsten Benachteiligungen betroffen sind, ist die geeignetere Alternative und ebenso ein Partizipationsverständnis, dass das Miteinander und Wechselseitige hervorhebt und fördert. Wir benötigen ein transkulturelles Verständnis unserer Gesellschaft und Kultur. Es reicht jedoch nicht, dieses nur zu „predigen“, ohne zu beweisen, dass Kultur und Werte etwas Veränderbares, sich Entwickelndes sind, das kontinuierlicher Aushandlung bedarf. Ziel sollte sein, aus dem Alten und dem Neuen etwas Drittes entstehen zu lassen – und dies unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auch jenseits der Geflüchteten noch viele Menschen aus Kultur und Gesellschaft ausgeschlossen sind.

 

Die gesamtgesellschaftliche Perspektive ersetzt jedoch nicht den differenzierten Blick auf die spezifischen Potenziale (und Grenzen) und dementsprechend Verantwortlichkeiten in Hinsicht auf das, was kulturelle Praxis und Teilhabe bedeuten kann für Menschen, die als Einwandererinnen und Einwanderer oder vorübergehend in Deutschland leben. In einer Umgebung, in der sprachliche Verständigung schwerfällt, können künstlerische Ausdrucksformen Wege der Auseinandersetzung mit Neuem sein, mit Erlebtem, Gedanken und Gefühlen. Auf künstlerischem Wege können Menschen sich auf einer anderen Ebene damit befassen und zum Ausdruck bringen, wofür ihnen Worte fehlen. Menschen werden als Individuen sicht- und hörbar, mit einer Geschichte, einer Gegenwart und einer Zukunft. Beheimatete und Geflüchtete können individuelle und kulturelle Prägungen, persönliche Fähigkeiten, Talente und Stärken zusammenbringen und gemeinsam hybride Kulturformen erschaffen. Dieser Prozess ermöglicht Orientierung, unterstützt Identitätsbildung und soziales Bewusstsein, unabhängig davon, ob man in Deutschland geboren, eingewandert oder dorthin geflohen ist. Teilhabe an kulturellen Projekten kann angesichts des unsicheren Status von Menschen, die unter dem Asylregime leben, vorübergehend ein Stück Normalität bieten. Partizipative Kulturprojekte, an denen Menschen mit und ohne Flucht- oder Migrationsgeschichte teilnehmen, sind Gelegenheiten des Dialogs und Austauschs mit Menschen außerhalb des eigenen Milieus.

 

Die Praxis der kulturellen Bildung und der Kulturarbeit insgesamt sollte zu einem Dialog von bzw. mit Werten und Regeln einladen. Kunst und Kultur wird viel Potenzial zugesprochen, jetzt geht es darum, dieses auch wirklich wirksam werden zu lassen: im Dialog miteinander „auf Augenhöhe“ und in der Anregung von Selbstbildungs- und -bestimmungsprozessen.

 

Im Mai fragte eine Podiumsdiskussion mit den kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Bundestagsfraktionen nach den Möglichkeiten einer „Kulturarbeit mit, für und von Geflüchtete(n)“. Sie fand statt im Rahmen der gleichnamigen Tagung der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren. Eine Perspektive zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Diskussion: Es geht nicht allein um Kulturarbeit von, für und mit Geflüchtete(n), sondern vor allem auch um eine Kulturarbeit für „ein neues Wir“. Zugegeben: Das klingt kühn. Die Perspektive ist aber richtig. Die gesellschaftlichen Entwicklungen, spätestens seit dem Sommer 2015, führen uns vor Augen, dass wir neu auf uns schauen, anders miteinander sprechen, neu miteinander in Verhandlungen treten müssen, darüber, was uns wichtig ist und wie wir miteinander leben wollen.
Manchmal muss das Motto sein: „Jump and swim!“ Doch auch während wir schwimmen, sollten wir unser Selbstbild als Kulturschaffende, Bildungsverantwortliche und auch als Privilegierte einer kritischen Revision unterziehen. Die Frage, wer „Wir“ sind – in dieser ehrlichen Differenziertheit und Ergebnisoffenheit, zwischen dem sich die Antworten zuzutrauen und zuzumuten – ist eine kulturelle Frage. Deshalb ist die kulturpolitische Verantwortung für die vielfältige Einwanderungsgesellschaft erheblich.

 

Der Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 04/2016.

Kirsten Witt & Kerstin Hübner
Kirsten Witt und Kerstin Hübner sind stellvertretende Geschäftsführerinnen der BKJ. Kirsten Witt ist Ansprechpartnerin für Grundsatzfragen der kulturellen Bildung und Redakteurin des Magazins Kulturelle Bildung. Kerstin Hübner leitet das Programm »Künste öffnen Welten« der BKJ und ist Referentin im Bereich Kooperationen und Bildungslandschaften.