Weckruf für die kulturelle Bildung?

Von der Willkommenskultur zur Integrationskultur

Bundestagspräsident Norbert Lammert spricht seit vielen Jahren von dem lausigen Zustand“ der kulturellen Bildung. Er meint damit nicht die explosionsartige Vermehrung von Publikationen zum Thema kulturelle Bildung, sondern die zu häufige Abwesenheit von kultureller Bildung gerade in den prägenden Kinder- und Jugendjahren. Ob Darstellendes Spiel, Kunst- oder Musikunterricht – oft tauchen diese Fächer, wenn überhaupt, nur sporadisch im Unterrichtsalltag der Schülerinnen und Schüler auf. So fällt zum Beispiel das Fach Musik in der Grundschule, je nach Bundesland unterschiedlich, bis zu 80 Prozent aus und bei den kommunalen Musikschulen warten 100.000 Schülerinnen und Schüler auf einen Unterrichtsplatz.

 

Unsere Gesellschaft befindet sich in der kuriosen Situation, dass wir so viel über kulturelle Bildung und deren Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft wie noch nie wissen und zugleich immer weniger Kinder und Jugendliche teilhaben können an der ganzen Bandbreite kultureller Vielfalt. Der Versuch, über zeitlich begrenzte Projekte diese Defizite aufzufangen, kann die Neugierde wecken und für die schöne Welt kultureller Selbsterfahrung entflammen. Diese Flamme erlischt spätestens dann, wenn im schulischen und außerschulischen Alltag diese Türen wieder verschlossen sind. Ein Armutszeugnis für die viertstärkste Industrienation der Welt. Die Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln ist evident.

 

In dieser Situation wächst uns mit den Menschen, die aus Kriegsgebieten bei uns Zuflucht suchen und die unserer Fürsorge bedürfen, ein immenser Schatz an kultureller Vielfalt zu. Eine Hochkultur, wie sie beispielsweise vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien bestand, bringen nicht nur die Kreativschaffenden mit. Navid Kermani hat mit seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015 einmal mehr deutlich gemacht, welche Potentiale in der differenzierten Wahrnehmung des je Anderen liegen. Die Neugierde auf das je Eigene und das je Andere zu wecken und den Wert differenzierter Wahrnehmung zu erkennen ist eine Kernaufgabe von Kultur und damit auch von kultureller Bildung. Kultur steht hier für den Verbindungszusammenhang von Bildung, Wissenschaft und Kultur.

 

Eine der größten Herausforderungen seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland wird sich ohne das Mitdenken von Kultur nicht bewältigen lassen – und zwar von Anfang an. Auf der Grundlage des weiten Kulturbegriffes, wie ihn die UNESCO 1982 in ihrer Erklärung von Mexiko-City geprägt hat. Damit würde sich manche Schleife in der wieder aufflammenden Leitkulturdebatte erübrigen. Kultur hat eine Schlüsselfunktion auf dem weiten Weg vom Willkommen zur Integration. Integration – nicht Assimilation! Das Grundgesetz setzt genau jenen Rahmen, innerhalb dessen Begegnung, transkultureller Dialog und eine gelingende Zukunftsgestaltung gemeinsam gelingen kann. Die mit dem Grundgesetz verbundenen Freiheiten und Grenzen sind nicht verhandelbar. Ebenso wenig wie die Anerkennung und praktische Umsetzung der UNESCO-Konvention Kulturelle Vielfalt.

 

Wie kann Integration gelingen, wenn eine Grundvoraussetzung, kulturelle Bildung von Anfang an, nicht mitgedacht wird? Wie kann Integration gelingen, wenn der seit Jahren bekannte „lausige Zustand“ kultureller Bildung auch nicht im Ansatz erkennen lässt, wie die Herausforderungen personell und strukturell zu meistern sind?

 

Konzeptionell ist die kulturelle Bildung mit allen ihren inhaltlichen Sparten so gut aufgestellt wie nie. Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Deshalb bedarf es jetzt eines grundlegenden Wandels in den Förder- oder besser Investitionspolitiken der Länder und des Bundes. Der Bund hat mit seinem Programm „Kultur macht stark“ eine gute Plattform geschaffen, deren Versprechen von nachhaltiger Impulsgebung dann Wirkung entfalten kann, wenn sie eine Fortsetzung und konzeptionelle Aktualisierung erfährt. Nachhaltig Impulse setzen zu wollen, bedarf eines längeren Atems als den einer Projektperiode. Nachhaltigkeit in der kulturellen Bildung muss den Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen im Blick haben. Nachhaltigkeit in der kulturellen Bildung bemisst sich nicht in erster Linie an Kennzahlen und Messgrößen, sondern an dem oft erst viele Jahre später erkennbaren Zuwachs kultureller Kompetenzen und Zuwachs an kultureller Vielfalt. Nachhaltigkeit in der kulturellen Bildung kann nur dann gelingen, wenn die auf Kontinuität angelegten Strukturen für ihre Aufgaben ertüchtigt werden.

 

Deshalb sollte jetzt die Bundesregierung mit Kultur macht stark 2.0 eine modifizierte Fortsetzung ihres erfolgreichen Programmes beschließen. Modifiziert bedeutet: konzeptionelle Erweiterung um die Themen transkultureller Dialog und intergenerationeller Dialog, Entbürokratisierung der Antragsverfahren und stärkere Unterstützung – auch in finanzieller Hinsicht – der Umsetzungsstrukturen vor Ort.

 

Weiterhin gilt es die Haushaltsmittel für die bildungskulturellen Infrastrukturen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene signifikant zu erhöhen und die dafür vorgesehenen Haushaltsansätze einer Bindungspflicht zu unterwerfen. So könnte beispielsweise eine solche Bindungspflicht bei der Mittelzuweisung des Bundes an die Länder sicherstellen, dass die für die kulturelle Bildung vorgesehen Mittel nicht nur in den Haushaltsansätzen der Ländern stehen, sondern im Haushaltsvollzug tatsächlich dort ankommen.

 

Vorhandene Strukturen in der kulturellen Bildung für ihre Aufgaben zu ertüchtigen ist ein Mosaikstein, um den Weg von der Willkommenskultur zur Integrationskultur beschreiten zu können. Das Bewusstsein für den Wert kultureller Vielfalt für unsere Gesellschaft wie für den Einzelnen wird sich nur auf dem Weg ganz realer Wahrnehmung und Erfahrung ausbauen lassen.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 05/2016 erschienen.

 

Christian Höppner
Christian Höppner ist Präsident des Deutschen Kulturrates