Zwischen Individualisierung und gesellschaftlichem Zusammenhalt

Zur Neubewertung von Werten, Kultur und kultureller Bildung

Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts werden angesichts der Flüchtlingssituation und des zunehmenden Rechtspopulismus aktuell intensiv diskutiert. Die Suchorientierung nach einem gesellschaftlichen Zusammenhalt impliziert indirekt einen früheren Zustand der gesellschaftlichen Stabilität. Daher lohnt es sich, Veränderungsprozesse in der Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

 

Denn in den letzten Jahrzehnten konnte ein deutlicher gesellschaftlicher Wandel beobachtet werden, beeinflusst durch Ökonomisierung, Digitalisierung und Globalisierung. Diese Einflussfaktoren stehen in einem engen Zusammenhang zueinander und beruhen auf Prinzipien der Liberalisierung und der Technokratisierung.

 

Zur Liberalisierung und Technokratisierung der Gesellschaft

Eine Liberalisierung der Gesellschaft kann auf zwei Ebenen beobachtet werden: in der Freiheit der Lebensgestaltung und der Freiheit von Zugängen. Ersteres führt zu einer kritischen Infragestellung von idealisierten Formen des Zusammenlebens wie der Familie oder klassischen Geschlechterrollen. Dies geht einher mit einer Befreiung von gesellschaftlichen Normen.

 

Parallel vollzieht sich eine Öffnung von Zugängen bei Bildung, Märkten etc. Da materialistische Ressourcen begrenzt sind, so beispielsweise auch die Bildungsfinanzierung, werden limitierte Zugänge liberal im Sinne der Chancengleichheit über Wettbewerbsprinzipien gesteuert. Hier greift Technokratie als Regelwerk unter der Grundannahme, dass es keinen ideologischen Weg der gesellschaftlichen Organisation gibt. Der Einzelne kann in Folge nicht mehr andere verantwortlich machen, sondern ist selbstverantwortlich, wenn er im Wettbewerb scheitert im Sinne des Modells der Risikogesellschaft von Ulrich Beck. Diese Selbstzuschreibungen können gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden, stellt sich doch die berechtigte Frage, warum der Einzelne sich für das Wohl Dritter in der Gesellschaft einsetzen soll, wenn er für sein eigenes Scheitern selbst verantwortlich gemacht wird. Ob dabei durch das Wettbewerbsprinzip wirklich Chancengleichheit entsteht, wird kritisch diskutiert, da letztlich die Leistungsfähigkeit der Eltern mitentscheidend ist für Wettbewerbsvor- oder -nachteile ihrer Kinder.

 

Auch politische Entscheidungen werden durch Technokratie begrenzt aufgrund der Annahme, dass komplexe Zusammenhänge der Moderne nicht mehr von politischem Sachverstand getroffen werden können, sondern wissenschaftliche Fachexpertise benötigen unter der Annahme der Existenz eines richtigen Lösungswegs. Die Expertokratie ersetzt damit vielfach die Demokratie. Auch dies kann gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage stellen. Des Weiteren können in jüngster Zeit vermehrt Bemühungen beobachtet werden, den Staat im Kontext von Marktfragen im Positiven wie im Negativen auch rechtlich im Zuge von Freihandelsabkommen einzuschränken.

 

Zum Einfluss von Liberalisierung und Globalisierung auf kulturelle Identitäten

Freie globale Marktzugänge führen neben einer Individualisierung von Lebensstilen auch zu einer Vereinheitlichung. Weltweit agierende Handelsketten, wie Zara oder Starbucks, tragen dazu bei, dass sich grenzüberschreitend ähnliche ästhetische Präferenzen in Mode, Musik oder Essen bilden. Zudem trägt Migration dazu bei, kulturelle Gepflogenheiten aus Herkunftsregionen in Aufnahmeregionen hineinzutragen.

 

Im Zuge einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft vertritt Stuart Hall, ein Vertreter der Culture Studies, die Ansicht, dass es nicht mehr möglich sein wird, über große Sinnsysteme Gemeinschaft zu stiften, sondern stattdessen die Abweichung von der kulturellen Norm zur Grundlage von kultureller Identität wird. Auch dies kann gesellschaftlichen Zusammenhalt erschweren. So betont der Kulturwissenschaftler Jan Assmann den wichtigen Stellenwert von gemeinsamen kulturellen Symbolsystemen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wie Sprache, Essen, Tänze, Bilder etc. Um einem kulturellen Symbolsystem einen „kulturellen Sinn“ zu geben, bedarf es dabei nach Assmann auch eines „Vorrats gemeinsamer Werte, Erfahrungen und Deutungen“, um das „Weltbild“ einer Gesellschaft zu bilden.

 

Auch die Festlegung von Werten kann in einem Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft verortet werden. „Kulturelle Werte“ sind dominierende Präferenzwerte in einer Gesellschaft. Dem können subkulturelle oder gegenkulturelle Werte einzelner Gruppen und Individuen gegenüberstehen. Die Wertephilosophie geht davon aus, dass sich die Normen gesellschaftlichen Handelns durch Werte ergeben. Werte als Auslöser gesellschaftlichen Handelns stehen dabei in einem gewissen Widerspruch zu der Idee der Technokratie, die im Sinne der Expertise sachliche und nicht wertorientierte Handlungsgründe präferiert.

 

Zur Werteentwicklung in der Gesellschaft

In den 1970er Jahren wurde von dem Soziologen Inglehart ein Wertewandel auf Grundlage einer Mangelhypothese proklamiert. Er diagnostizierte für die Nachkriegsgeneration einen Mangel an Gütern, die zu einem materialistischen Streben und einer Wertehaltung in Richtung, Sicherheit, Konservatismus etc. führten. Die junge Generation in den 1970er Jahren hatte keinen Mangel an Gütern und strebte dementsprechend liberalistische Werte an. In Folge wurden aus den damaligen liberalistischen Suchbewegungen unterschiedliche Wertehaltungen abgeleitet wie hedonistische und idealistische. In den letzten Jahrzehnten werden Wertehaltungen nicht mehr gesamtgesellschaftlich, sondern innerhalb von Milieus bestimmt, ein Zeichen für die Fragmentierung der Gesellschaft. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass die damals erfolgte Hinwendung zu liberalistischen Werten bis in die heutige Zeit hineinwirkt und sich weiterhin gesamtgesellschaftlich vollzieht.

 

In jüngster Zeit wird erneut ein Wertewandel diskutiert. So wurde in der Jugend-Shell-Studie neben einer hohen Leistungsbereitschaft die Sehnsucht nach festen Bindungen, Familie und Sicherheit deutlich, möglicherweise eine Reaktion auf eine Mangelerscheinung in liberalistischen Zeiten des Wettbewerbsprinzips. Die zunehmenden rechtspopulistischen Strömungen könnten ebenfalls auf einen Wertewandel hindeuten. Auch zeigt sich hier möglicherweise eine Spaltung der Gesellschaft in Gruppen, die keinen materialistischen Mangel haben und daher eher idealistische Werte vertreten angesichts neuer Herausforderungen, wie der Flüchtlingssituation, und Gruppen, die aufgrund eines materialistischen Mangels eher ein Streben nach Sicherheit und Konservatismus entwickeln.

 

Zur Rolle von Kunst und kultureller Bildung

In der „Road map for arts education“, entwickelt auf der ersten UNESCO-World Conference zur kulturellen Bildung, heißt es: „In vielen Kulturen werden die Ausdrucksformen, die Erkenntnisse kommunizieren und in den Köpfen der Menschen einen Raum für Reflexion schaffen, Kunst genannt.“ Des Weiteren wird das kulturelle Erbe, das im liberalistischen Wertewandel der 1970er Jahre eher als kritische Masse einer Manifestierung von Eliten bewertet wurde, im weltweiten Diskurs als eine wichtige Grundlage kultureller Identität im Sinne einer gemeinsamen Vergangenheit als eine Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts verhandelt.

 

In einer ökonomisierten Gesellschaft bedarf es anderer Begründungszusammenhänge für Kunst wie Umwegrentabilität, die Weiterentwicklung der Kreativwirtschaft, eine stärkere wirtschaftliche Ausrichtung und Publikumsorientierung. In letzter Konsequenz der Marktöffnung bedeutet dies das Infragestellen von öffentlicher Kulturförderung.

 

Auch die kulturelle Bildung wird unter ökonomischen Gesichtspunkten neu bewertet. So werden seit den 1990er Jahren die künstlerischen Unterrichtsfächer im Zuge von PISA zugunsten der MINT-Fächer marginalisiert. Parallel hat kulturelle Bildung in den letzten zehn Jahren im Rahmen des außercurricularen Ganztags an Bedeutung gewonnen unter dem Begründungszusammenhang der Förderung wichtiger Schlüsselkompetenzen für den schulischen und beruflichen Alltag wie Sozialkompetenzen, Kreativität etc. In diesem Kontext verbreitet sich international der Ansatz „learning through the arts“, in dem kulturelle Bildung als ganzheitliches Instrument zum allgemeinen Wissenserwerb – zum Erlernen von Sprache, Mathematik etc. – betrachtet wird.

 

Die aktuelle Flüchtlingssituation hat möglicherweise einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass mit Blick auf den fortschreitenden Liberalisierungsprozess in unserer Gesellschaft eine längst überfällige Neuverständigung zu gemeinsamen Werten und Regeln des Miteinanders begonnen hat. Es geht um einen Aushandlungsprozess und eine Bilanz: Was sind Grundhaltungen und Prinzipien, die wir als unverhandelbar ansehen? Und welche neuen Modelle des Zusammenlebens eröffnen sich parallel oder in Alternative zum Prinzip der Ökonomisierung, Technokratie und des Wettbewerbsprinzips. Wie können wir uns hier neu austarieren?

 

Hierzu bedarf es Perspektivwechsel und einer Neubewertung von Kunst und kultureller Bildung in unserer Gesellschaft. Diese schaffen Freiräume für Gestaltungsprozesse – frei von gesellschaftlichen Notwendigkeiten – es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Wer sich gestalterisch betätigt, eine Skulptur entwirft, einen Songtext schreibt, kann eigene Gedankenwelten an Dritte kommunizieren und so eigene Positionen entwickeln. Und es bedarf einer eigenen Position, um andere Positionierungen wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und gemeinsam gesellschaftliche Prozesse auszuhandeln mit dem Wissen: Es gibt Gestaltungsoptionen zwischen den Polen der Individualisierung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Susanne Keuchel
Susanne Keuchel ist Direktorin der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW.