Zusammenhalt qua Wissen und Verständnis

Der Beitrag der ARD zur Integration

Die Welt erscheint immer komplexer, schneller, fordernder und vielfältiger. Dies stellt jeden Einzelnen und die Gesellschaft vor große Herausforderungen, weckt Ängste, verursacht neue Gräben, aber schafft auch nie geahnte Möglichkeiten des Miteinanders und der Kommunikation über alle Schichten, Strukturen und Grenzen hinweg. Voraussetzung dafür, das Gute in der Veränderung und im Neuen anzunehmen, sind Wissen, Verständnis, Achtung und das Gefühl von gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Zu diesen „Basics“ für das Gelingen einer modernen Gesellschaft und einer starken Demokratie beizutragen, ist eine der maßgeblichen Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

 

So hat die ARD gemäß Paragraph 11 des Rundfunkstaatsvertrages (RStV) „einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“. Wir sollen „hierdurch die internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern.“ Dies ist ein klarer Auftrag, qua Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung maßgebliche Integrationsgrundlagen zu schaffen. Dieser Auftrag bezieht sich nicht (nur) auf die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder aus „fremden Welten“, sondern auf die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zwischen allen Menschen in Deutschland – völlig unabhängig von Herkunft oder Zugehörigkeit.

 

In einer weitgehend vernetzten Welt sind die Möglichkeiten groß wie nie, die Vielfalt einer Gesellschaft abbilden und mit ihr kommunizieren zu können. Aber wie mit jeder technischen Errungenschaft gehen auch mit der Digitalisierung Veränderungen einher, die Risiken bedeuten können: Die Abwanderung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in soziale Netzwerke und abgeschlossene Kommunikationsräume, die verstärkte Medienkonzentration bis hin zu vielfaltsverengender Monopolisierung oder Verschlüsselungsbestrebungen kommerzieller Anbieter, um das Verwertungspotenzial von Inhalten voll ausschöpfen zu können, sind nur einige Aspekte. Vor diesem Hintergrund gewinnt unser verfassungsrechtlicher Auftrag zur Gewährleistung eines freien Meinungsbildungsprozesses unter Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen an zusätzlicher Bedeutung. Die ARD ist ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtet und agiert dank der solidarischen Finanzierung durch die Gesellschaft wirtschaftlich und politisch unabhängig. Unser Bestreben ist es, allen Menschen alle unsere Angebote auf allen Wegen frei zugänglich zu machen und so maßgeblich zu Teilhabe, Inklusion und Integration beizutragen.

 

Unverzichtbares Element hierbei sind die Dritten Programme und die Hörfunkwellen der ARD. Während Globalisierungs- und Konzentrationstendenzen auch in der Medienlandschaft eher die Vereinheitlichung und Verwechselbarkeit von Angeboten befördern, bildet die föderal strukturierte ARD mit ihrer regionalen Verankerung schon immer die Vielfalt der kulturellen Realitäten vor Ort ab. Zugleich trägt die Vermittlung von Heimatgefühl, Zuhause und Nähe dazu bei, dass sich die Menschen in einer zunehmend als unübersichtlich und aufsplitternd empfundenen Welt nicht verloren fühlen.

 

Die Rolle und Aufgabe der Medien im und für den Integrationsprozess verändert sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen. So hat die ARD im Sommer 2015 ergänzend zur Berichterstattung über die Situation der Geflüchteten zahlreiche Hilfsangebote zur Integration initiiert und eine eigene Service-Seite für Refugees ins Leben gerufen (refugees.ARD.de). Die Seite bündelt alle themenverwandten Angebote der Landesrundfunkanstalten und wird im Sinne eines nachhaltigen Angebots auch weiterhin redaktionell gepflegt und aktualisiert. Neben Nachrichten und Einstiegsangeboten zur Orientierung in Deutschland, einem Audio-Bild-Wörterbuch in arabischer Sprache, Sprachlernangeboten für Kinder (wie etwa die „Sendung mit der Maus“ auf Englisch, Arabisch, Kurdisch und Dari) finden sich hier auch Links zu Seiten, die Übersichten und interaktive Karten zu Hilfsprojekten zur Flüchtlingshilfe im gesamten Bundesgebiet bereitstellen.

 

Auch mit Fiktionalem wie „Leberkäseland“ (CIVIS-Medienpreis 2016), Dokumentationen wie „Weltbahnhof mit Kiosk“ (Grimme-Preis 2016) und „Mohammad Mustermann“ (Grimme-Preis 2017), Programmschwerpunkten wie dem BR-Themenmonat „Ramadan“ (Juni/Juli 2015) oder bereits jahrelang bestehenden Formaten wie dem 1998 als „Funkhaus Europa“ gestarteten Radiosender COSMO öffnen wir den Blick in fremde Lebenswelten, fördern alternative Sichtweisen, Verständnis und Toleranz.

 

Integrationsthemen spielen nicht nur in den Programmen der ARD eine Rolle. Als Querschnittsaufgabe betrifft Integration und Migration alle Bereiche der ARD – die Einrichtung des CIVIS Medienpreises vor 30 Jahren als inzwischen Europas bedeutendster Medienpreis für Integration und kulturelle Vielfalt, Fachtagungen zu Integrations- bzw. Migrationsthemen wie „Medienforum Migration“ des SWR oder „WDR Integrationsgipfel“ sind nur einige ausgewählte Beispiele. Bei der Gewinnung neuer Mitarbeitender ist die Ansprache kulturell diverser Zielgruppen bewusster Anspruch der Personalabteilungen. Einige Häuser bieten eigenständige Ausbildungsprojekte für Geflüchtete oder Medienschaffende mit Zuwanderungsbiografie an, z. B. „WDR grenzenlos“, „NDR Summer School“ und die rbb-Sommerakademie „Vielfalt entdecken“. Und auch nach außen vernetzen und engagieren wir uns verstärkt, um bei dieser wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe die „Kraft der Kooperation“ mit anderen Initiativen und Verbänden nutzen zu können – etwa als Mitglied der im November 2016 ins Leben gerufenen „Initiative kulturelle Integration“.

Susanne Pfab
Susanne Pfab ist Generalsekretärin der ARD.