Verbindendes suchen, Verschiedenheiten zulassen

Interkulturelle Arbeit in Städten

Die Integration von Zugewanderten und Flüchtlingen ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, an dem alle staatlichen und gesellschaftlichen Akteure beteiligt sind. Auf dem Weg zur gleichberechtigten Teilhabe von Zugewanderten und Flüchtlingen am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben nehmen die Städte allerdings eine Schlüsselrolle im Prozess der Integration vor Ort ein. Denn Integration findet vor Ort statt: in den Kommunen. Hier leben die Menschen, hier spielt sich ihr Alltag ab, hier finden die Begegnungen statt. Hier entscheidet sich, ob die Integration der vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion gelingt.

 

Integrierte kommunale Konzepte sind erforderlich
Nachdem infolge der starken Zuwanderung vor allem im zweiten Halbjahr 2015 zunächst die vorrangigen Aufgaben der Aufnahme und Unterbringung bewältigt worden sind sowie – zumindest in der Vielzahl der Fälle – der rechtliche Status der geflüchteten Menschen festgestellt wurde, ändert sich der Fokus der Städte nunmehr zu einem ganzheitlichen, integrierten Ansatz, in dem die verschiedenen kommunalen Handlungsfelder zusammengeführt werden. Spracherwerb, Bildung und Integration in den Arbeitsmarkt stehen dabei im Mittelpunkt, denn die Beteiligung an Bildungsprozessen und am Arbeitsmarkt ist in jeder Hinsicht konstitutiv für den Prozess der Integration – sowohl in sozialer, kultureller als auch ökonomischer Hinsicht. Hier möglichst frühzeitig die Weichen richtig zu stellen, darauf zielen die Anstrengungen der Städte.

 

Spracherwerb, Bildung und Arbeitsintegration sind entscheidend
Die Voraussetzungen dafür sind alles andere als leicht. Eine Arbeitsstelle steht zwar ganz oben auf der Liste der Wünsche der Zuwanderer, und die Motivation für eine Arbeitsaufnahme ist enorm. Aber die schulische und berufliche Qualifikation ist oft gering, ganz abgesehen von der großen Herausforderung des Erwerbs der deutschen Sprache. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stuft fast 75 Prozent der Befragten seiner Flüchtlingsstudie als überhaupt nicht qualifiziert bzw. als nicht beruflich qualifiziert ein. Die Bildungssituation von Frauen ist dabei noch deutlich schlechter als die der Männer, und sie partizipieren bisher sehr viel weniger als Männer am deutschen Arbeitsmarkt. Es ist entscheidend, den Spracherwerb, eine berufliche Qualifikation bzw. die schulische Bildung sehr frühzeitig einzuleiten, damit nicht durch lange Zeiträume der Unsicherheit und der fehlenden Beschäftigung Demotivation und Frustration entstehen. Zumindest bei Personen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit sollten deswegen nach Möglichkeit noch während des Asylverfahrens Maßnahmen zum Spracherwerb und Beschäftigungsmaßnahmen eingeleitet werden.

 

Kulturelle Teilhabe ist Menschenrecht

Kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, ist seit jeher eine wichtige Aufgabe der Städte. Dies gilt auch in Bezug auf die Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und nun aller Wahrscheinlichkeit nach längerfristig bei uns bleiben werden. Sowohl die rezeptive als auch die aktive Beschäftigung mit Kunst und Kultur kann in schwierigen Lebenssituationen hilfreich und wertvoll sein, besonders für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In einer noch fremden Umgebung, in der sprachliche Verständigung schwerfällt, können künstlerische Ausdrucksformen Wege der Auseinandersetzung mit dem Unbekannten sein, aber auch mit dem Erlebten und den eigenen Gefühlen.
Kommunale interkulturelle Kulturarbeit stellt die Verbindung zwischen den unterschiedlichen ethnisch-nationalen Gruppen her in dem Sinne, dass Verbindendes gesucht wird und Verschiedenheiten zugelassen werden. Die Teilhabe an Kultur als Teil der Integration ist mit der UN-Menschenrechtskonvention zum Menschenrecht erklärt worden. Dieses gilt auch für geflüchtete Menschen in Deutschland. Mit Blick auf die kulturelle Integration entwickeln städtische Kultureinrichtungen in Verbindung und in Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Strukturen mittel- und langfristig tragfähige Angebote und Konzepte. Eine Trennung nach Nationalitäten, Ethnien und aufenthaltsrechtlichem Status sollte dabei vermieden werden. Es gilt, kurzfristig möglichst frühzeitig niederschwellige Kulturangebote vorzuhalten und zu finanzieren. Begegnungen zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen sind eine zentrale Kulturaufgabe. Finanzschwache Kommunen müssen dafür die notwendige Unterstützung erhalten.

 

Identifikatorische Integration ist das Ziel
Entsprechende Angebote erbringen nicht nur im kulturell-künstlerischen Bereich und im Hinblick auf Resilienz Vorteile, sondern helfen auch beim Spracherwerb. Eine identifikatorische Integration kann langfristig nur gelingen, wenn sich die bereits seit Langem hier lebende Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund genauso angesprochen fühlt wie neu Zugezogene. Dabei sollten vorhandene Strukturen und Angebote genutzt werden.

 

Professionalisierung der Kulturarbeit
Derzeit sind Hilfen für geflüchtete Menschen in erheblichem Maße durch ehrenamtliche Strukturen der Zivilgesellschaft bestimmt. Auf Dauer wird aber eine hauptamtliche Bearbeitung im öffentlichen Sektor notwendig sein. Die sich verstärkt stellenden Aufgaben sollten auf Grundlage von bestehenden kulturellen Organisationsstrukturen in enger Vernetzung mit zivilgesellschaftlich ehrenamtlichen Strukturen in Angriff genommen werden. Genauso wichtig ist die Einbindung anderer Ressorts der Stadtverwaltungen wie insbesondere des Bildungsbereichs mit den Schulen oder des Sozial- und Jugendbereichs mit ihren Einrichtungen.

 

Den Prozess aktiv gestalten
Der Deutsche Städtetag vertritt einen kulturpolitischen Ansatz, der kommunale Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik versteht. In der Flüchtlingsfrage ist die gesamte Gesellschaft gefordert. In diesem Sinne ist auch die Kultur aufgerufen, sich am Prozess der Integration aktiv zu beteiligen. Die Mitgliedsstädte des Deutschen Städtetages verstehen kulturelle Integration vor Ort als wichtige Aufgabe und sind entsprechend aktiv. Dabei sind auf sehr unterschiedliche Art und Weise Prozesse in Gang gesetzt worden, die auf Grundlage von örtlichen Rahmenbedingungen wie Anteil der migrantischen Bevölkerung, Finanzkraft oder Vorhandensein von kultureller Infrastruktur kulturelle Teilhabe und kulturelle Bildung realisieren. Dabei müssen die Städte nicht alles selber organisieren und durchführen. Vielmehr zeigt sich bundesweit, dass es dankenswerter Weise ein erhebliches zivilgesellschaftliches Engagement der Bürgerschaft und Hilfen der örtlichen Wirtschaft gibt, das den Städten hilft, die in diesem Umfang vollkommen neue Herausforderungen zu bewältigen. Die Städte wissen, dass es hilfreich ist, organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen und eine professionelle Begleitung von interkultureller Arbeit zu unterstützen. Drei Beispiele seien an dieser Stelle aus einer großen Vielzahl von Aktivitäten und Methoden in den Städten genannt:

 

Das Beispiel Neuss „Neue deutsche Stadtgesellschaft“ – Neusser Diversitätskonzept
Das Kulturamt der Stadt Neuss hat gemeinsam mit vielen Akteuren der Interkultur einschließlich der Migrantenorganisationen ein Konzept entwickelt, das vom Rat der Stadt einstimmig beschlossen sowie von allen städtischen und freien Kultureinrichtungen selbstverpflichtend unterzeichnet wurde. Das Konzept fördert das Zusammenkommen kommunaler, religiöser und zivilgesellschaftlicher Akteure und folgt damit der Maxime, dass besonders die Kultur dazu in der Lage ist, Welten zu öffnen. Es werden Räume der Kulturen geschaffen, die frei von ethnischen und sozialen Barrieren sind und unterschiedliche Mitglieder der Stadtgesellschaft zusammenbringen. Neben der gezielten Förderung von qualitativ hochwertiger und anspruchsvoller Kunst mit niederschwelligem Zugang besteht ein besonders Merkmal des Ansatzes darin, dass in Neuss alle Akteure systematisch koordiniert werden, ohne sie zu determinieren.

 

Das Beispiel Ludwigshafen: „Offene Welt“ im städtischen Theater
Das Festival „Offene Welt“ der Pfalzbau Bühnen in Ludwigshafen am Rhein thematisiert das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Aus dem letztjährigen Festival heraus hat sich eine Gruppe aus jugendlichen Flüchtlingen und jungen Menschen aus Ludwigshafen gebildet, die für das diesjährige Festival ein eigenes Theaterstück auf die Bühne gebracht haben. Der Titel „Friedensstraße“ bezieht sich auf eine Straßenbahnhaltestelle, von der aus man zu einer Flüchtlingsunterkunft gelangt. Die jungen Schauspieler nehmen die Zuschauer mit auf hohe See, in entlegene afghanische Provinzen und zu Kriegsschauplätzen in Syrien. Aber sie lassen sie auch den Spaß der Jugendlichen am Kennenlernen und die absurde Komik gegenseitiger Übersetzungsversuche erleben.

 

Das Beispiel Wuppertal: Haus der Integration
Aufgrund der Dynamik der Zuwanderung nach Wuppertal und der hohen Zahl von geflüchteten Menschen setzt die Stadt auf ein integriertes und rechtskreisübergreifendes kommunales Konzept: Das Haus der Integration, in dem die Integrationsangebote der Stadt gebündelt werden. Das Haus der Integration soll zum Kompetenzzentrum für Zuwanderung werden und alle Dienstleistungen für Asylsuchende, anerkannte Geflüchtete, Bleibeberechtigte und Zugewanderte unter einem Dach anbieten. Wichtiger Eckpfeiler ist ein Zentrum zur Arbeitsmarktintegration Geflüchteter, in dem das Jobcenter, die Ausländerbehörde und die Arbeitsagentur sich als erste Anlaufstelle darum kümmern, dass Asylsuchende und Zuwanderer so früh wie möglich mit integrativen Maßnahmen – also z. B. Sprachunterricht oder Qualifikation für den Arbeitsmarkt – beginnen können.

 

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen
Damit Integration gelingen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Dafür wurde bereits Einiges getan. Der Bund unterstützt die Kommunen durch finanzielle Hilfen bei den Integrationsbemühungen, die Asylverfahren werden beschleunigt, die Sprachförderung wird ausgebaut, eine Wohnsitzauflage wurde eingeführt und die Jobcenter mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet. Dennoch besteht weiterhin erheblicher Handlungsbedarf, damit die Kommunen die große Aufgabe schultern können, z. B. im Hinblick auf die weitere finanzielle Ausstattung, den weiteren Ausbau der Sprachförderung und den Ausbau eines sozialen Arbeitsmarkts. Integration ist eine Herkulesaufgabe, die nicht leicht zu bewältigen ist und bei der alle mit anpacken müssen.

Eva Lohse
Eva Lohse ist Oberbürgermeisterin von Ludwigshafen am Rhein und Präsidentin des Deutschen Städtetages.