Somewhere over the Rainbow

Kulturelle Integration in Theorie und Praxis

Als der jetzige Vorstand des Deutschen Kulturrates im Jahr 2013 gewählt wurde, hat er die UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt sozusagen zu seiner Magna Charta erklärt. Zur Richtschnur seines Handelns. Und natürlich kann eine Diskussion zur kulturellen Integration auch nur in diesem Zusammenhang gesehen werden. Es kann nicht um Assimilation und nicht um Leitkultur gehen, sondern es wird darauf ankommen, aus den Vielen das Eine, das Gemeinsame zu bilden. „E pluribus unum“, aus den Vielen das Eine, wie der Wappenspruch der USA lautet. Auch wenn das bis heute nicht wirklich realisiert ist und vom jetzigen US-Präsidenten offenbar komplett ignoriert wird.

 

Ich bin kein Anhänger des Gedankens der Transkulturalität, wie ihn Wolfgang Welsch und andere formuliert haben. Für mich ist es weder wünschenswert noch realistisch, dass sich globale Identitäten herausbilden, dass der Informatiker aus dem Münsterland mehr mit dem Informatiker aus dem Silikon Valley gemeinsam hat, als mit seinem Nachbarn, der bei der örtlichen Stadtverwaltung arbeitet. Es scheint mir nur allzu deutlich, dass hinter dem Gedanken der Transkulturalität letztlich der Wunsch sichtbar wird, dass die Werte und Lebensweisen der westlichen Welt zur Weltkultur werden. Welsch schreibt ganz offen: „… dass auch andere Kulturen zunehmend zu Kulturen westlichen Typs werden – wie weit sie auch im Osten angesiedelt sein mögen, von Osteuropa bis Japan“.

 

Menschen brauchen offenbar eine Verortung in Zusammenhängen, ob das nun lokale, regionale oder nationale Zusammenhänge sind. Dafür wurden nicht zuletzt Dinge wie die Religionen oder ganz allgemein die Kultur erfunden. Letztere ist, wie wir seit Bourdieu wissen, nicht zuletzt auch ein Mittel der Distinktion. Wenn Welsch von der He­rausbildung globaler Identitäten spricht, dann führt er als Beleg gern Berufsgruppen wie Ökonomen, Wissenschaftler und Journalisten an, die natürlich beruflich ein hohes Maß an Mobilität aufweisen und bei denen die Tendenz zur geistigen Globalisierung sicher erkennbar ist. Die politische Entwicklung der letzten Jahre hat leider eindeutig gezeigt, dass ein großer Teil – in vielen Fällen sogar die Mehrheit der Bevölkerung – hiervon noch weit entfernt ist. Es droht die Entwicklung vom Nationalen zum Nationalistischen und schließlich zum offen Faschistischen.

 

Johann Gottfried Herders folgenreiche Definition der Kultur als Kultur eines Volkes ist letztlich ethnisch determiniert und klar gegen andere Kulturen abgegrenzt. Dieser Kulturbegriff wird heute bei den Rechtspopulisten als Begriffskeule verwendet und er ist natürlich falsch. Die deutsche Kultur ist nicht denkbar ohne ihre Wurzeln im antiken Mittelmeerraum, ohne, nur als Beispiel, den großen Einfluss der französischen und ab dem 20. Jahrhundert der US-amerikanischen Kultur. Die deutsche Gegenwartsliteratur ist nicht denkbar ohne den sehr großen Anteil der Autoren mit eigenem oder familiärem Migrationshintergrund. Jede Kultur ist hybrid. Andererseits gibt es das Phänomen, dass nationale Kulturen umso homogener wirken, je weiter man räumlich oder zeitlich von ihnen entfernt ist. Je näher man ihnen kommt, umso mehr zergliedern sie sich und am Schluss gelangt man zu der nicht überraschenden Erkenntnis, dass jeder Mensch sich vom andern unterscheidet. Das heißt aber nicht, dass das Bild aus der Distanz falsch sein muss. E pluribus unum! Weder Assimilation und Unterwerfung unter eine Leitkultur darf das Ziel heißen, noch Anpassung an eine globalisierte Transkultur. Es sollte darum gehen, dass jeder und jede das Eigene einbringen kann und dass daraus ein Gemeinsames entsteht. Am treffendsten hat das aus meiner Sicht Nelson Mandela formuliert und er verwendete dafür bezeichnenderweise ein Bild: „A rainbow nation at peace with itself and the world.“ Jeder und jede bringt seine eigene Farbe ein und die verschiedenen Farben fügen sich zu einem Gesamtbild. Zusammen bilden sie den Regenbogen, der ja auch aus der Entfernung am besten zu erkennen ist.

 

Zur Erreichung eines solchen Zustandes kann und muss der Staat natürlich entscheidende Weichen stellen und Unterstützung leisten. Vollziehen wird sich der Prozess aber innerhalb der Zivilgesellschaft. Hier sind zahlreiche Akteure schon seit Längerem unterwegs und zu diesen gehören natürlich auch die Soziokulturellen Zentren. Als klassische Selbstorganisationen der Zivilgesellschaft mit einem starken Akzent auf Partizipation, sind sie prädestiniert für die anstehenden Aufgaben. Viele der rund 550 Mitgliedseinrichtungen der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren befinden sich in städtischen Arealen, die seit jeher schon von Migration und sozialen Herausforderungen geprägt sind. Interkulturelle Arbeit gehört hier schon seit vielen Jahren zu den Schwerpunkten der Einrichtungen. Die Arbeitsweise der Häuser folgt dem Prinzip des „self-empowerment“, der Selbstermächtigung. Es geht nicht darum, „etwas für die Menschen zu machen“, sondern darum, ihnen zur Eigeninitiative zu verhelfen. Das können sogenannte „offene Angebote“ sein, die davon ausgehen, dass, bedingt durch eine Erstaufnahmeeinrichtung am Ort, mit einer hohen Fluktuation der Teilnehmer zu rechnen ist. Ein solches offenes Angebot ist z. B. das Projekt „Spielraum Musik“ des Karlstorbahnhofs in Heidelberg: Zwei professionelle Musikerinnen und Musiktherapeutinnen machen gemeinsam mit Kindern Musik. Es kann sich aber auch um „geschlossene Kulturangebote“ handeln, bei denen es darum geht, mit einer festen Gruppe künstlerische Arbeit zu machen. Ein solches Projekt ist z. B. „No Border“, das im Düsseldorfer Kulturzentrum ZAKK durchgeführt wurde. Hier haben junge Geflüchtete unter professioneller Anleitung zunächst biografische Texte geschrieben und dann zusammen mit deutschen Jugendlichen in Songs übersetzt. Die No-Border-Band arbeitet mittlerweile eigenständig und veranstaltet deutschlandweit Konzerte und Lesungen. In eine ähnliche Richtung geht der „Südufer-Chor“ des E-Werks in Freiburg. Ein fester Kern von 40 Personen, der sich aus Geflüchteten und Ortsansässigen zusammensetzt, gibt regelmäßig öffentliche Konzerte. Es geht um hohe musikalische Qualität. Dies sind nur wenige Beispiele aus einer Vielzahl von Projekten und Initiativen und sie sind auf die aktuelle Situation mit Geflüchteten bezogen. Sie sind Teil der interkulturellen Arbeit, die täglich in den Soziokulturellen Zentren Deutschlands stattfindet. Mehr erfährt man über die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren, die z. B. in ihrer Verbandszeitung „Soziokultur“ ausführlich über die interkulturelle Arbeit der Zentren berichtet.

Andreas Kämpf
Andreas Kämpf ist Geschäftsführer des Singener Kulturzentrums Gems und Vizepräsident des Deutschen Kulturrates.