Position beziehen

Die Initiative kulturelle Integration

Position beziehen, unter dieser Überschrift kann die Arbeit der Initiative kulturelle Integration zusammengefasst werden. Es geht um eine gemeinsame Position darüber, was gesellschaftlichen Zusammenhalt ausmacht und welchen Beitrag kulturelle Integration zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten kann. Dabei ist die aktuelle Debatte um die Integration Geflüchteter ein Aspekt, aber weder der einzige noch der bestimmende. Die gemeinsame Position soll in zehn bis 15 Thesen zusammengefasst werden, die zum 21. Mai, dem internationalen Tag der kulturellen Vielfalt, der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 

Die Ziele sind hochgesteckt: Die Thesen sollen keine Allgemeinplätze sein, sie sollen, wie von Einzelnen immer wieder betont wird, „weh tun“, sie sollen zugleich im Konsens verabschiedet werden. Bei den ersten beiden Treffen der Initiative kulturelle Integration, dem Spitzentreffen am 15. Dezember 2016 und dem ersten Arbeitstreffen am 24. Januar 2017, wurde Verbindendes, aber auch Trennendes deutlich. Es war und ist allen klar, dass „das Rad nicht neu erfunden“ werden soll, es gibt einen Fundus an bestehenden Erklärungen, Stellungnahmen und Leitbildern, auf den zurückgegriffen werden kann und der neu gelesen werden muss. Zugleich besteht der Anspruch, einen eigenen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten und mehr vorzulegen als eine Synopse bestehender Erklärungen.

 

Die Besonderheit der Initiative kulturelle Integration besteht darin, dass zivilgesellschaftliche Akteure, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Sozialpartner, Medien und die verschiedenen staatlichen Ebenen, Kommunen, Länder und Bund, zusammen an einem Tisch sitzen und gemeinsam Thesen entwickeln. Dabei ist der Diskussionsprozess bereits ein Wert an sich. Denn die verschiedenen Akteure werden sich, damit sie den Thesen am Ende zustimmen können, in ihren Verbänden und Organisationen abstimmen, sie werden die Zwischenergebnisse zurückspiegeln und mit neuen Ideen in die nächsten Arbeitstreffen kommen. Damit unterscheidet sich die Initiative kulturelle Integration von anderen Expertengremien, in denen vor allem Wissenschaftler zusammenarbeiten. Diese sind ihrer eigenen Arbeit verpflichtet. Sie stehen in einem wissenschaftlichen Diskurs und müssen mit ihrer Arbeit in der jeweiligen Fachwelt bestehen. Die Vertreter der Verbände tragen die gebündelten Meinungen aus ihren Verbänden vor. Sie stehen in der Verantwortung jeweils zu prüfen, ob eine These vom sie entsendenden Verband mitgetragen werden kann. Damit verankern sie den Diskussionsprozess zugleich wieder im jeweiligen verbandspolitischen Diskurs. Die Initiatoren der Initiative kulturelle Integration erwarten sich hieraus eine Breitenwirkung, die über den Mai 2017 hinausstrahlt. Sie erhoffen sich, dass die Thesen in die Verbände und Organisationen getragen werden und dort breite Unterstützung finden werden. Letztlich geht es um nicht weniger als die Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen. Dabei ist es wichtig, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen wie die Kultur, den Sport, die Wohlfahrtspflege, die Umwelt- und Naturschutzverbände, die Migrantenorganisationen, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Medien und nicht zuletzt die staatlichen Akteure einzubeziehen. Hier gibt es kein „wir“ und „ihr“, wie es teilweise in Diskursen um Integration anzutreffen ist. Wir sind alle Teile dieser Gesellschaft, manche schon lange, manche erst kürzer.

 

Eine der größten Herausforderungen besteht darin, eine Sprache zu finden, die nicht „verdruckst“ ist, die ausreichend Raum für Differenzierung lässt und zugleich die nötige Klarheit nicht vermissen lässt. Eines wurde bei den ersten beiden Treffen schon klar, gerade von Migrantenverbänden wird eine klare Sprache eingefordert. Sie sehen sich selbst gefordert, Neuankömmlingen in Deutschland die Hand zu reichen, damit sie sich zurechtfinden und von geglückten Migrations- und Integrationserfahrungen profitieren können. Sie sind Deutsche, verstehen sich als Teil der Gesellschaft, leisten ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs und fordern ihren Platz in der deutschen Gesellschaft ein. Sie ärgert, wenn sie immer noch als Migranten gesehen werden, auch wenn ihre Eltern- oder Großelterngeneration die Migrationserfahrung machte.

 

Die gemeinsam erarbeiteten Thesen werden bei allem Bemühen um Prägnanz und Klarheit, wahrscheinlich dennoch an der einen und anderen Stelle rundgeschliffen sein, damit alle Mitglieder der Initiative kulturelle Integration sich dahinter versammeln können. Der Deutsche Kulturrat öffnet daher in dieser und in der nächsten Ausgabe von Politik & Kultur den Raum der Diskussion. Thema dieser und der nächsten Ausgabe ist „Kulturelle Integration“. In Interviews, Artikeln und literarischen Texten befassen sich verschiedene Autoren mit dem Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt und kulturelle Integration. Zu Wort kommen Politiker, Wissenschaftler, Autoren sowie Verbandsvertreter. Ihre Beiträge spitzen zu, vermessen das Feld und zeigen damit die Bandbreite der Debatte. Ergänzend zur Veröffentlichung in der Zeitung Politik & Kultur werden die Texte auf der Seite www.kulturelle-integration.de nachzulesen sein.

Olaf Zimmermann
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.