Müll als integrativer Faktor

Die Bedeutung von Natur und Umwelt

Was unterscheidet mich von meinem Nachbarn? Vielleicht ein anderer Beruf, eine andere körperliche Statur, eine andere Familienkonstellation. Sicher ist, es wird viele Unterschiede geben. Vielleicht gibt es einen Unterschied im respektvollen Umgang mit Umwelt und Natur. Die Frage der Herkunft des Nachbarn ist dabei nicht zwingend. Relevant wird sie erst dann, wenn zu überlegen ist, aus welchem Grund das ökologische Verhalten sich unterscheidet. Und noch relevanter, wenn dieser Nachbar ein Mensch mit Migrationshintergrund ist.

 

Ist Mülltrennen den Deutschen angeboren? Oder das Energiesparen? Diese Fragen können mit einem klaren Nein beantwortet werden. Die aktuelle Naturbewusstseinsstudie von 2015 zeigt auf, dass die deutsche Bevölkerung der Agrarwirtschaft kritisch gegenübersteht, den Wert des Stadtnaturschutzes schätzt und die Mehrheit weiterhin die Energiewende befürwortet. Irritierend ist dabei, dass es eine große Kluft zwischen Umweltwissen und Umwelthandeln gibt und dennoch vielen das deutsche Verhalten zum Mülltrennen angeboren erscheint.

 

Bewusster Umgang mit Ressourcen ist ein Teil unserer Gesellschaft und gehört inzwischen zu unserer Kultur, ebenso wie das Grundgesetz Teil unserer Gesellschaft ist und die Zugehörigkeit zur Europäischen Union. Auch wenn der ein oder andere dies derzeit infrage stellt. Der Umgang mit Energie, Lebensmitteln oder eben Müll (Recycling) hat viele lebenspraktische Aspekte. Mülltrennen war auch in Deutschland unbekannt. Wilde Müllkippen waren noch Ende der 1960er Jahre weit die Landschaft prägend! Erst das in den 1970er Jahren massiv seit dem Europäischen Naturschutzjahr 1970 gestiegene Umweltbewusstsein und Initiativen, unter anderem auch des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für die Abfalltrennung im Haushalt,
führten zum Müllbewusstsein. Das lässt hoffen, dass Bürger, die informiert und motiviert sind, auch bereit sind, ihren eigenen Anteil zu leisten.

 

Als Migrant oder Flüchtling kann man sich sehr schnell in der Nachbarschaft unbeliebt machen, wenn die kulturell verankerten Umweltschutzaspekte ignoriert oder nicht gekannt werden. Menschen aus anderen Kulturen kennen weder die Regeln dafür, noch deren Sinn. Sie kennen dafür ihre Kultur des Umgangs mit Umwelt und Natur. Dieser Umgang unterscheidet sich zum Teil vielleicht deutlich vom deutschen Umwelthandeln, in Teilen ist dieser Umgang jedoch sicherlich universell. Respekt vor der Natur, vor dem Leben gibt es in jeder Kultur und jeder Religion.

 

Das Informationsbedürfnis und die Handlungsmotivation zum Umwelt- und Naturschutz von Menschen mit Migrationshintergrund, selbst in bildungsfernen Milieus, sind unerwartet hoch. Schnell wird neu Zugewanderten deutlich oder deutlich gemacht, dass die Dinge unterschiedlicher sind als erwartet und dass Integration oft über kleine Dinge funktioniert. Welches Gemüse wächst in Deutschland und wann? Wie wird richtig geheizt? Was ist Stoßlüften und warum ist das wichtig? Nicht aus Unachtsamkeit oder Respektlosigkeit wird gegebenenfalls gegen Regeln verstoßen, sondern aufgrund des anderen kulturellen Hintergrunds. Wenn Landwirtschaft grundsätzlich anderes strukturiert, Mobilität eine Herausforderung ist, Wasserbeschaffung Arbeit, können die deutschen Angebote als ganz praktische und angenehme Lebenserleichterungen erscheinen. Die ökologischen Herausforderungen des Wohlstandes sind erst später erkennbar. Wer die Werte unserer Gesellschaft kennenlernt, der wird Teil dieser Gesellschaft. Dies gilt neben kulturellen, religiösen oder demokratischen Werten auch für den Wert, wie unsere Ressourcen verschwendet oder geschützt werden.

 

Viele dieser Umwelt- und Naturschutzfragen, von den ganz kleinen bis zu den großen umfassenderen, sind seit vielen Jahrzehnten Bestandteil und Inhalt der Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BnE). Grundlage aller Inhalte in der Umweltbildung ist der respektvolle Umgang mit der Natur. Aufbereitet werden diese Inhalte für Kindergartenkinder, Schulkinder, Jugendliche in Ausbildung und Studium oder für Erwachsene in unterschiedlichsten Angeboten von Exkursionen bis Lehrgängen. Trotz all dieser Angebote ist die Kluft zwischen Wissen und Handeln weiterhin hoch. Welche Maßstäbe des Umwelthandelns können wir daher Migranten setzen? Maßstäbe, die oft genug von Deutschstämmigen nicht umgesetzt oder gekannt werden? Und wie können wir Respekt verlangen, wenn der private Konsum politisch geworden ist, indem unsere Konsumentscheidung wirtschaftliche Konsequenzen in einem anderen Land hatte?

 

Jeder fünfte Einwohner in Deutschland ist ein Mensch mit Migrationshintergrund. Nicht nur die Politik oder die Kultur- und Sozialverbände stellen sich daher die Frage, wie Integration gelingen kann. Auch Umweltverbände sind schon seit vielen Jahren bestrebt, die Inhalte, Strukturen und Angebote des Umwelt- und Naturschutzes in Deutschland für Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund zu öffnen und attraktiv zu machen.

 

Es gibt Respekt und eine große Offenheit zwischen Umweltverbänden und Migrantenorganisationen. Auf dieser Basis sollten die bereichernde Sicht und Lebensweise der Vielfalt den gemeinsamen Schutz der Natur voranbringen. Gemeinsam lernen wir aufeinander zuzugehen und ermöglichen so gegenseitige Teilhabe durch:

  • bessere Kenntnisse über jeweilige Organisationsstrukturen und Angebote
  • Erhöhung der interkulturellen Kompetenz in den deutschen Umweltverbänden
  • Unterschiedliche Muttersprachen als wichtiger Bestandteil in der Umweltbildung/BnE
  • Erlernen gemeinsamer Verantwortung

 

Je weiter mit der Globalisierung unser Handlungsfeld wurde, umso stärker haben wir auch weit entfernten Entwicklungen und Problemen Interesse entgegengebracht. Die Komplexität der Umweltthemen hat jedoch immer Aspekte von Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen-Können. Es bleibt uns überlassen, weiterhin mit dem Einsatz von kreativen Methoden allen Bewohnern Deutschlands die Probleme und das Handlungswissen zu übermitteln.

Hubert Weiger
Hubert Weiger ist Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND).