(Massen-)Medien heute

Welchen Beitrag kann professioneller Journalismus zur kulturellen Integration leisten?

(Massen-)Medien strukturieren gesellschaftliche Kommunikation. Was sich historisch einst auf den Marktplätzen der Dörfer abgespielt hat, wird bereits seit Jahrzehnten in komplexen Gesellschaften über Medien organisiert. Durch das Internet und die sogenannten sozialen Netzwerke haben aber längst die Einzelpersonen wieder einen größeren Part in dieser Kommunikation erhalten, sie können selbst größere Kreise erreichen als in der Vergangenheit. Die kommunikative Vermittlungsleistung ist nicht länger ein Privileg professioneller Medien. Was Bertolt Brecht um 1930 in seiner Radiotheorie forderte, ist plötzlich zur Realität geworden: Die Bürger sind nicht mehr nur Empfänger, sie können durch das Internet auch als (relevante) Sender auftreten. Das stellt das Mediensystem zwar nicht grundsätzlich auf den Kopf, es bietet aber enorme Herausforderungen.

 

Dieser neuerliche Strukturwandel der Öffentlichkeit trägt dazu bei, dass sich gewohnte Determinanten des intellektuellen Zusammenlebens verändern. Die bisherigen Empfänger in der öffentlichen Kommunikation erreichen (noch) nicht eine derart breite Öffentlichkeit wie die professionellen Medien. Das Problem liegt an einer anderen Stelle: Zwischen denen, die sich nur noch in selbstreferenziellen „Filterblasen“ in sozialen Netzwerken bewegen und denen, die am massenmedial organisierten demokratischen Diskurs teilhaben, wächst ein immer tieferer Graben. Das gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verhindert Integration.

 

Aufgabe des professionellen Journalismus ist es, anschlussfähige Angebote für den Diskurs herzustellen. Notwendige Voraussetzung für die Akzeptanz dieser Angebote ist eine durchgängige Faktizität, die den vorurteilsbehafteten Einträgen in sozialen Netzwerken oft genug fehlt. Damit Medien von den Bürgern Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird, müssen aber noch weitere Elemente hinzukommen. Beispielsweise muss die ganze Vielfalt und Breite gesellschaftlichen Lebens abgebildet werden. Selbstkritisch wird in der „Branche“ längst kritisiert, ob das immer der Fall ist oder ob sich Eliten im Journalismus herausgebildet haben, die Teile der Realität kaum noch zur Kenntnis nehmen, vor allem wenn es um prekäre Lebensverhältnisse und Minderheiten geht. Der gesellschaftliche Zusammenhalt würde dadurch naturgemäß nicht gefördert.

Wenn es konkret um Integration geht, kann journalistisch erstellten Medien nicht die Rolle des „erhobenen Zeigefingers“ zukommen. Es geht vielmehr um Recherche, Information, Einordnung und letztlich auch Kommentierung – idealerweise auch von Journalisten mit Migrationshintergrund. Das leisten die etablierten und auch einige neue Medien in Deutschland und zwar im internationalen Vergleich besonders zuverlässig und professionell. Verbesserungen sind aber auch bei guten und hervorragenden Produkten immer möglich.

 

Ein Beispiel ist das nachrichtliche Auswahlkriterium der Negativität. In Reaktion auf den diffusen Vorwurf, die Herkunft mutmaßlicher Straftäter aus ideologischen Gründen nicht zu nennen, gehen manche Medienmacher über zu einer Hysterisierung der Berichterstattung in solchen Fällen: Ganz gleich, ob es um Verdachtsmomente des Terrorismus, der Vergewaltigung oder des einfachen Diebstahls geht – zunehmend werden Nationalität und religiöser Hintergrund zum Gegenstand der Berichterstattung. Der Pressekodex erlaubt das nur in Fällen, in denen ein Zusammenhang der soziologischen Disposition mit der Tat besteht. Die verstärkte Berücksichtigung solcher persönlicher Hintergründe scheint jedoch dem Vorurteil zu folgen, dass einzelne Fälle der Kriminalität symptomatisch stehen für diejenigen, die sich nicht in unsere Gesellschaft integrieren wollen. Natürlich gibt es diese Einzelfälle, und darüber muss auch berichtet werden.

 

Es darf aber kein Generalverdacht entstehen. Wenn das Nachrichtenkriterium der Negativität schon so relevant für die Berichterstattung ist, muss der Blick auch auf eine andere Art der Integrationsverweigerer gerichtet werden: Auf diejenigen, die unsere heterogene Gesellschaft ablehnen und mit nationalistisch-völkischen Ideen gegen Menschen hetzen, die sie als fremd wahrnehmen oder die nicht ihre politische Meinung teilen. Legt man diesen Maßstab zugrunde, sind bei Pegida, AfD oder NPD in der Summe viel mehr Integrationsverweigerer zu finden als in sämtlichen Flüchtlingsunterkünften der Republik. Nun gehört es zur menschlichen Psyche und auch zur kollektiven gesellschaftlichen Identität, dass gemeinsame Feindbilder mindestens genauso zusammenschweißen wie positive Ideale. An diesem Punkt sollte Journalismus verstärkt ansetzen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Zu einer gelungenen Inte­gration gehören immer auch Werte, und zu einer kulturellen Weiterentwicklung gehört die ständige Einigung auf deren aktuelle Gültigkeit. Werte sind überwiegend ein positiv konnotiertes Setting, sie bestehen aber auch darin, deutlich zu machen, was gemeinsam abgelehnt wird.

Frank Überall
Frank Überall ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Er lehrt Medien- und Sozialwissenschaften an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln/Berlin) und berichtet als freier Journalist für verschiedene Medien