Kultur öffnet Welten

Der Beitrag der Kultureinrichtungen zum Gelingen kultureller Vielfalt muss stärker sichtbar werden

Wenn wir uns versuchsweise vorstellen, wir sollten lediglich mit dem leben, was wir als ›Nationale‹ sind, wenn wir etwa den durchschnittlichen Deutschen aller Sitten, Gedanken, Gefühle zu entkleiden probieren, die er von anderen Ländern des Erdteils übernommen hat, werden wir bestürzt sein, wie unmöglich eine solche Existenz schon ist.“

 

Trotz der Unvorstellbarkeit einer rein „nationalen“ Existenz, die der spanische Philosoph Ortega y Gasset in seinem berühmten Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“, einer Zeitdiagnose der 1930er Jahre, beschwor, nährt die Konfrontation mit dem Fremden bis heute die Furcht vor Verwässerung oder Verlust der nationalen Identität. Lange hat allein schon die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht, für kontroverse Debatten gesorgt. Der Begriff der „Leitkultur“ betonte die notwendige Verständigung auf gemeinsame Werte, brachte aber auch das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung durch Abgrenzung zum Ausdruck. Umgekehrt vernebelte die Vision eines heiter-bunten „Multikulti“ oft den Blick auf Konflikte, die im „Schmelztiegel der Kulturen“ gären. Mittlerweile begreifen wir uns, auch dank intensiver Auseinandersetzungen, als Einwanderungsland. Die Zuwanderung der letzten Jahrzehnte hat insofern nicht nur die Zuwanderer verändert, die teils in der zweiten und dritten Generation hier leben. Die Zuwanderung – genauer: der öffentliche Diskurs über Zuwanderung – hat auch unsere Gesellschaft und unser Selbstverständnis verändert. Deutschland sieht sich heute viel mehr als früher als weltoffenes Land. Dennoch scheint die ungeheure Vielfalt unterschiedlicher Traditionen und Zukunftsträume, Kulturen und Religionen, Lebensentwürfe und Weltanschauungen, wie wir sie insbesondere in Metropolen und Großstädten erleben, manchmal ebenso beängstigend und verstörend wie sie inspirieren und bereichern kann. Vielfalt ist und bleibt eine Herausforderung, für manche sogar eine Bedrohung.

 

Als national bedeutsame Institutionen, die in einzigartiger Weise Auskunft geben über unser kulturelles Gedächtnis und über unser Bild von uns selbst und der Welt, stehen die vom Bund geförderten Kultureinrichtungen für die Vielfalt und die Bandbreite dessen, was uns ausmacht. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für ein demokratisches und weltoffenes Deutschland. Allein die Menschen zu integrieren, die in den vergangenen Jahren Zuflucht in Deutschland gesucht haben und die für eine Zeit lang oder vielleicht sogar für immer bleiben werden, ist eine Aufgabe für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Deutschland kann sich glücklich schätzen, dabei auch auf seine Kulturinstitutionen zählen zu können – zum einen, weil die diffuse Angst vor der vermeintlich drohenden Dominanz kultureller Minderheiten das große Bedürfnis nach Vergewisserung unserer eigenen kulturellen Identität offenbart; zum anderen, weil kulturelle Teilhabe eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass Zuwanderer in der Fremde heimisch werden.

 

Diese beiden maßgeblichen Herausforderungen kultureller Vielfalt – das Bedürfnis nach kultureller Identität und Selbstvergewisserung einerseits, das Bedürfnis nach kultureller Teilhabe andererseits – stecken den Bereich der Mitverantwortung der Kulturpolitik und der Kultureinrichtungen für Integration und Zusammenhalt ab. Kultur ist Brückenbauerin und Türöffnerin, aber auch Ausdruck und Spiegel unserer Identität. Ob Poesie, Malerei, Musik, Theater oder Tanz: Kunst kann gemeinsame Sprache sein, wo unterschiedliche Begriffe Schweigen oder Missverstehen provozieren. Kunst kann gemeinsame Erfahrungen bescheren, wo unterschiedliche Herkunft ab- und ausgrenzt. Kunst kann uns helfen, zu verstehen, was uns ausmacht, wer wir sind – als Individuen, als Deutsche, als Europäer. Kunst kann uns aber auch nötigen, die Perspektive zu wechseln und die Welt aus anderen Augen zu sehen.

 

Die Kultur in ihrer Rolle als Spiegel und als Brückenbauerin zu stärken, ist das Ziel zahlreicher Maßnahmen und Projekte meines Hauses. Dazu gehört insbesondere die Förderung von Kultur­einrichtungen, die sich zum einen dem Austausch zwischen den Kulturen widmen und sich zum anderen als Orte der kulturellen Bildung und Vermittlung darum bemühen, auch bildungsferne und wenig kulturaffine Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt zu erreichen und ihnen unsere vielfältige Kultur und unsere wechselvolle Geschichte nahezubringen. Es ist ein zukunftsweisendes kulturpolitisches Signal, dass wir den prominentesten Platz in der historischen Mitte Berlins der Begegnung deutscher und europäischer Kultur mit den Kulturen der Welt widmen. Das Humboldt Forum wird Menschen nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als Weltbürger ansprechen und vermitteln, dass uns, bei allen kulturellen Unterschieden, als Menschen weltweit viel mehr verbindet als uns trennt. Angesichts der gegenwärtigen politischen Lage ist dieses ehrgeizige, der Auseinandersetzung mit – im wahrsten Sinne des Wortes – weltbewegenden Themen der Gegenwart gewidmete Vorhaben aktueller denn je. Das Thema Religion beispielsweise soll – gerade mit Blick auf die Krisen und Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, mit Blick auf die damit verbundenen Flüchtlingsbewegungen und auch mit Blick auf die Angst, die Terroristen im Namen des religiösen Fundamentalismus verbreiten – einen eigenständigen Schwerpunkt bilden.

 

Der Förderung kultureller Integration dient auch der BKM-Preis „Kulturelle Bildung“, mit dem ich als Kulturstaatsministerin einmal im Jahr originelle Ansätze der kulturellen Bildungsvermittlung auszeichnen darf. Dabei beeindruckt mich immer wieder, wie viel sich – nicht zuletzt dank bürgerschaftlichen Engagements – vor Ort im Kleinen bewegen lässt. Um die Kraft der Kultur als Integrationsmotor sichtbar zu machen, vor allem aber, um Anerkennung und Wertschätzung für bürgerschaftliche Unterstützung bei einer großen gesellschaftlichen Zukunftsaufgabe zum Ausdruck zu bringen, habe ich 2016 außerdem einen BKM-Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ vergeben. In den 150 Projekten, die dafür vorgeschlagen wurden, begegnen sich Einheimische und Neuankömmlinge von Angesicht zu Angesicht und knüpfen persönliche Verbindungen über Kunst und Kultur.

 

Wie viel unsere Kultureinrichtungen landauf landab zum Gelingen kultureller Vielfalt beitragen, ist uns leider nicht immer bewusst. Umso wichtiger ist es, den Beitrag der Kulturinstitutionen stärker sichtbar zu machen: Als Einladung zu interkulturellen Begegnungen vor Ort, aber auch als Ausdruck des Selbstverständnisses einer weltoffenen Gesellschaft. Deshalb bin ich sehr froh darüber, dass meine Kollegen aus den Ländern und Kommunen sowie zivilgesellschaftliche Organisationen meiner Anregung gefolgt sind, im Rahmen der gemeinsamen Initiative „Kultur öffnet Welten“ sichtbar zu machen, was es bereits an einzelnen Aktionen, Programmen und Ideen gibt. Darüber hinaus arbeiten in der „Initiative kulturelle Integration“ des Deutschen Kulturrates unter meiner Verantwortung und mit Unterstützung des Innenministeriums, des Ministeriums für Arbeit und Soziales sowie der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung hochrangige Vertreter aus Staat, Kirchen und Zivilgesellschaft zusammen, um eine gemeinsame Position zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer pluralistischen, weltoffenen Gesellschaft zu entwickeln. Unsere Kultureinrichtungen sind nicht zuletzt auch Orte öffentlicher Debatten, die die Gesellschaft nie nur abbilden, sondern immer auch mitformen. Wie sehr wir diese Orte der Verständigung brauchen, erleben wir gerade jetzt und gerade dort, wo eine lautstark pöbelnde Minderheit den Ruf der Montagsdemonstrationen „Wir sind das Volk“ missbraucht, um Ressentiments gegen anders Denkende, anders Glaubende, anders Aussehende, anders Lebende zu schüren, um Stimmung zu machen gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt und Freiheit – und damit letztlich gegen alles, was uns definiert und ausmacht: gegen unsere Kultur. Diese Kultur zu verteidigen, heißt, aufzustehen gegen Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Nationalismus und nicht zuzulassen, dass ein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem die Ressentiments einer Minderheit sich wie ein Virus verbreiten können. Unsere Kultureinrichtungen – unsere Theater, Museen, Gedenkstätten usw. – können Köpfe und Herzen gegen dieses Virus immunisieren. Sie können Einfluss darauf nehmen, wie kulturelle Identität und kulturelle Vielfalt in Deutschland wahrgenommen werden. Sie können auf Ressentiments gebaute Weltbilder ins Wanken bringen. Sie können Verbindendes sichtbar machen, wo das Trennende die Wahrnehmung beherrscht. Sie können Perspektiven verschieben und Vorstellungsräume erweitern – und damit auch die Grenzen der Empathie. Kurz und gut: Sie können unserer Kultur, sie können dem, was uns definiert, jenseits argumentativer Auseinandersetzung Gehör verschaffen. Aus diesen Gründen bin ich gerade mit Blick auf die gegenwärtigen Herausforderungen und Spannungen in unserer Gesellschaft sehr froh, dass wir in Deutschland ein dicht geknüpftes Netz kultureller Angebote und Einrichtungen haben – und eine Kulturförderung, die weltweit ihresgleichen sucht.

Monika Grütters
Monika Grütters, MdB ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.