Integrationsweltmeister Zeitung

Die Rolle der Zeitung in der Flüchtlingskrise

Zeitungen sind fester Bestandteil unseres demokratischen Gemeinwesens, sie erreichen gedruckt oder digital gut drei Viertel der Deutschen über 14 Jahren. Unsere Leser und Nutzer setzen auf das Versprechen, täglich neu – und mittlerweile dank unserer weit über 600 Online-Angebote auch rund um die Uhr – von ihrer Zeitung informiert, unterhalten oder überrascht zu werden. Die deutsche Tagespresse spiegelt dabei nach Möglichkeit alle Themen der Gegenwart wider, jeder Bürger kann mit ihrer Hilfe das aktuelle und relevante Geschehen verfolgen. Aufgrund ihrer regelmäßigen Erscheinungsweise werden bedeutende Themen auch über einen längeren Zeitraum analysiert und eingeordnet.

 

Für die politische Meinungs- und Willensbildung sind die Zeitungen mit ihrer Berichterstattung eine wesentliche Grundlage. Der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert kennzeichnete sie sogar einmal als systemrelevant. Zeitungen organisieren jedoch nicht nur den gesellschaftlichen Dialog, dank ihrer Wundertütenfunktion taugt die Zeitung auch zum Integrationsweltmeister. Denn sie ist bis heute das einzige Medium, das im besten Sinne allen Lesern und Nutzern, egal welchen Alters und welcher Herkunft, alle nur erdenklichen Inhalte anbietet.

Neben den großen Zeitungen mit überregionaler Verbreitung zeichnen sich vor allem die regionalen Tageszeitungsmarken durch eine hohe Integrationsleistung aus. Mit ihrem fest umrissenen Verbreitungsgebiet in einer Region fokussieren sie die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ereignisse, Herausforderungen und Erfahrungen der Menschen vor Ort. Der Nahbereich ist das Brennglas der Bundes- und Landespolitik – Gesetze und ihre Auswirkungen werden unmittelbar erfahrbar – und zwar jeweils im Kontext regionaler Spezifika.

 

Ein gutes Beispiel ist die sogenannte Flüchtlingskrise: Zeitungen beleuchten die Situation der Geflüchteten und die Ursachen für deren Flucht, erklären transparent die Abläufe im Rahmen des Asylverfahrens, veranschaulichen die Gesetzeslage und kommentieren die unterschiedlichen Positionen der politischen Parteien – in Deutschland, Europa, weltweit.

 

Die große Zahl täglich neu ankommender Geflüchteter stellte und stellt eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen seit der Wiedervereinigung dar. Die Medien und unter ihnen die Zeitungen haben dieses Thema seit dem Frühsommer 2015 über Monate und bis heute immer wieder breit aufgegriffen. Zu den typischen Mitteln der Berichterstattung zählt hier die Würdigung individueller Persönlichkeiten.

 

Artikel über ehrenamtliche Hilfe und bürgerschaftliches Engagement vermitteln etwa den freiwilligen Helfern die notwendige gesellschaftliche Anerkennung für ihren Einsatz.

 

Beiträge in der regionalen Presse haben jedoch auch eine Lenkungswirkung, indem sie transparent machen, wo Hilfe besonders dringend erforderlich ist; die Zeitung trägt mit ihrer Marktplatzfunktion zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage karitativer Erfordernisse bei; sie unterstützt womöglich die Vernetzung der unterschiedlichen Akteure; aber sie zeigt durch kritische Berichterstattung auch Fehlentwicklungen und Missstände auf.

 

Zahllos die Aktionen, die von Zeitungshäusern in ganz Deutschland für die Geflüchteten angestoßen wurden. Ein solches Engagement ist im Übrigen überhaupt nichts Ungewöhnliches, denn die meisten Verlage unterhalten seit Jahrzehnten Hilfswerke für alte, kranke, mittellose oder aus anderen Gründen bedürftige Menschen in der Region. Für die werben sie – meist zur Weihnachtszeit – Spenden ein und können Jahr für Jahr einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag für den guten, jeweils klar definierten Zweck verteilen.

Beim Thema Geflüchtete fühlten sich Redaktionen aber herausgefordert, auch inhaltlich die Qualitäten ihrer Zeitungen einzubringen. Die Palette reicht von speziellen Zeitungsausgaben, Apps und Website-Auftritten in der Muttersprache der Hilfesuchenden über Q&A-Dossiers für freiwillige Helfer bis hin zu unentgeltlichen Abonnements der regionalen Zeitung für die Besucher der Deutschkurse inklusive pädagogisch abgestimmten Materialien für die Lehrkräfte. Die Sprache ist ein Transmissionsriemen für Integration, Berichte über die Region vermitteln Informationen und Hintergründe über kulturelle Besonderheiten. Als denkbar aktuelle „Lehrbücher“ bilden gerade lokale Zeitungen hier eine sinnvolle Verbindung zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen.

 

Das ist die eine Seite der Medaille. Nicht verschwiegen werden soll, dass die mittlerweile fast sprichwörtlich gewordenen „Ereignisse der Kölner Silvesternacht“ zum Jahreswechsel 2015/16 und die vielfach zu Recht kritisierte (Nicht-) Berichterstattung in den überregionalen Medien eine Debatte befeuert haben, die mit angeblichen „Lügenpresse“-Vorwürfen und Fake News hier nur andeutungsweise umschrieben ist. Die – auch mit zahlreichen Zeitungslesern – geführte Diskussion hat eine öffentliche und ernsthafte Selbstüberprüfung der klassischen Medien in Gang gesetzt, die längst nicht abgeschlossen ist. Können und sollen Medien sich auf die reine Berichterstatterposition zurückziehen? Sind sie damit wirklich objektiv? Wo endet die Nachricht und beginnt der Kommentar?

In diesen Zusammenhang gehören auch die jüngsten Auseinandersetzungen um den Pressekodex, der unter anderem über Jahrzehnte aus vielen guten Gründen unter Ziffer 12 vorgeschrieben hat, bei der Berichterstattung über Verbrechen keine Hinweise auf die Herkunft eines Täters zu geben. Damit sollte eine Diskriminierung ausgeschlossen werden. Mittlerweile laufen Redaktionen jedoch bei ihren Lesern Gefahr, der Verschleierung bezichtigt zu werden, wenn sie die Herkunft von Tätern nicht benennen. Gerade wurde daher die entsprechende Richtlinie zur Ziffer 12 des Pressekodex verändert. Die Aufgabe der sorgsamen Abwägung, was und wie berichtet werden soll, bleibt jedoch erhalten. Und sie stellt sich jeden Tag aufs Neue, bei jedem einzelnen Thema. Das macht Zeitung aus.

Dietmar Wolff
Dietmar Wolff ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).