Integration durch Bildung

Neben der Wissensvermittlung spielt die Persönlichkeitsbildung eine wichtige Rolle

Heinrich von Kleist sagte einmal: „Ein Talent bildet sich im Stillen, doch ein Charakter nur im Strome der Welt“. Unser Ziel muss es sein, jungen Menschen im „Strome der Welt“ Wegweiser und Wegbegleiter zu sein. Kinder und Jugendliche brauchen die Chance, ihre Talente auszuleben und zu entfalten. Sie brauchen Räume, in denen sie neugierig sein dürfen, individuelle Lernerfahrungen machen können und mit Gleichaltrigen zusammen ein Stück weit die Welt erkunden.

 

Das gilt für alle jungen Menschen – unabhängig davon, ob sie in unserem Land aufgewachsen sind oder neu zu uns kommen. Unser Bildungssystem setzt darauf, jungen Menschen diese Möglichkeiten zu verschaffen. Neben Wissensvermittlung ist immer auch Persönlichkeitsbildung wichtig. Es kommt darauf an, jungen Menschen die Grundwerte unseres Zusammenlebens wie Freiheit, Toleranz und Verantwortungsbereitschaft zu vermitteln und sie dazu anzuleiten, diese Werte selbstverständlich im Alltag zu leben.

 

Um hier erfolgreich zu sein, sind differenzierte pädagogische Angebote unerlässlich. Denn unsere Gesellschaft wird vielfältiger und die Biografien von jungen Menschen sind sehr unterschiedlich. Darauf reagiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit individuellen Beratungsangeboten und koordiniertem Bildungsmanagement in den Kommunen. Auf diese Weise wollen wir auch all jenen eine Chance geben, die eine geringe Grundbildung haben.

 

Wenn wir auf den Wandel und die vielen Veränderungen in unserer Gesellschaft reagieren wollen, müssen wir auch unsere eigene Wissensbasis kontinuierlich erweitern, z. B. durch Bildungs- und Migrationsforschung. Nur so können wir die Qualität unseres Bildungssystems sichern. Durch wissenschaftliche Begleitung und Ergebnistransfer gewährleisten wir die Nachhaltigkeit von Integrationsmaßnahmen. In den aktuellen Förderrichtlinien thematisieren wir z. B. die Rahmenbedingungen einer gelingenden Integration in das deutsche Bildungssystem oder den gesellschaftlichen Wandel, der durch Migration angestoßen wird.

 

Integration ist ein wechselseitiger Prozess. Sie gelingt nur, wenn alle mitmachen. Deshalb brauchen wir die Bereitschaft und Offenheit der Gesellschaft, die Menschen, die neu zu uns kommen, aufzunehmen. Wir brauchen eine Kultur, die Diversität als Chance und Bereicherung versteht. Um eine solche Kultur wachsen zu lassen, sind persönliche Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft essentiell. Genau das unterstützen Programme wie „Kultur macht stark“ und „Kultur macht stark Plus“.

 

Sie bringen junge Menschen mit und ohne Fluchterfahrung im Rahmen gemeinsamer Tanz-, Theater- oder Filmprojekte zusammen. Gleichzeitig eröffnen sie jungen Menschen, die zu uns geflüchtet sind, neue Zugänge zu unserer Sprache und Gesellschaft. Kultur öffnet Augen und Ohren. Sie macht sprachfähig für Dinge und Empfindungen, für die sonst oft die Worte fehlen. Sie bietet die Chance, Gesellschaften kennenzulernen und sorgt dafür, dass Fremdes nicht fremd bleibt. Denn die Art und Weise, wie in einer Gesellschaft mit Kunst und Kultur umgegangen wird, sagt viel über die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aus.

 

Auch beim Erlernen der deutschen Sprache setzen wir auf persönliche Begegnungen. Mit unserem Programm „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ wenden wir uns nunmehr gezielt an Flüchtlingskinder. Wir gewinnen Eltern für das Vorlesen und Erzählen, fördern den selbstverständlichen Umgang mit Büchern und stärken die Sprachfähigkeit in den Familien. Auch in dem bundesweit angelegten Sprachförderprogramm „Einstieg Deutsch“ ist Kontakt ein wichtiger Faktor: In diesem niedrigschwelligen Erstlernangebot werden z. B. über 3.000 ehrenamtliche Lernbegleiter, vor allem Zugewanderte mit ausreichenden Sprachkenntnissen, geschult. Mit Unterstützung hauptamtlicher Lehrkräfte vermitteln sie erste Deutschkenntnisse an Geflüchtete.

 

Alle Maßnahmen des BMBF setzen an den zentralen Herausforderungen an. Wir sehen bereits erste Erfolge. Trotzdem entwickeln wir unsere Maßnahmen stetig weiter und verbessern sie. Der Austausch mit den Betroffenen, mit Akteuren in Bund, Land, Kommune, mit Ehrenamtlichen und Praktikern sowie mit der Wissenschaft ist dabei zentral. Denn nur gemeinsam kann eine nachhaltige Integration gelingen.

Johanna Wanka
Johanna Wanka ist Bundesministerin für Bildung und Forschung.