Eine große Chance für alle

Ist eine Integration von Flüchtlingen in das Hochschulsystem umsetzbar und welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

In den letzten Monaten ist mit der enormen Zahl von Flüchtlingen aus Bürgerkriegsregionen eine Herausforderung auf Deutschland zugekommen, wie sie bislang kaum vorstellbar war. Die Bürgergesellschaft hat mit großem Engagement und einer nie dagewesenen Willkommenskultur reagiert.

 

Es ist beeindruckend, wie schnell sich auch in den Hochschulen Initiativen gebildet haben, die zunächst einmal auf die elementaren Bedürfnisse der ankommenden Flüchtlinge reagierten und mit Empathie und Initiative an den nächstliegenden Stellen zu helfen versuchten. Insbesondere das großartige Engagement von Studierenden verdient Anerkennung.

 

Diese Reaktionen können zuversichtlich stimmen, wenn es um die Aufgabe geht, Flüchtlinge in die Hochschulen selbst zu integrieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale für ihren persönlichen Bildungsweg und zum Vorteil der gesamten Gesellschaft weiterzuentwickeln. Und tatsächlich ergab eine Umfrage der Hochschulrektorenkonferenz bereits im Frühsommer Beispiele, Initiativen und Projekte zur Integration von Flüchtlingen an über 80 Hochschulen.

 

Die Hochschulen haben große Erfahrung im Umgang mit Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen und sehen die Vielfalt der Studierendenschaft und des wissenschaftlichen Personals als Chance für alle. Im Fall der Flüchtlinge aber stehen sie vor besonderen Aufgaben. Fehlende Unterlagen, mangelnde Sprachkenntnisse und auch unterschiedliche Lernkulturen sind meist die größten Hürden. Wir müssen davon ausgehen, dass wir eine stufenweise, den jeweils individuellen Voraussetzungen angepasste Integration zu organisieren haben.

 

Hochschulleitungen und Verwaltungen, Lehrende und Studierende sind gefordert. Es wird auch um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen, die Entwicklungsmöglichkeiten und neue Aufgaben suchen. Vor allem aber müssen wir uns um die Studieninteressenten unter den Flüchtlingen kümmern. Es braucht Beratung, Begleitung bei Behördengängen, Hilfe bei der Wohnraumsuche bis hin zu studienvorbereitenden Programmen und Sprachenvermittlung. Die Hochschulrektorenkonferenz unterstützt die Hochschulen, indem sie Informationen sammelt, den Erfahrungsaustausch fördert und die Bedarfe zu identifizieren versucht. Wir haben zu diesem Zweck Ende September ein Werkstattgespräch mit gut 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern organisiert. Themenschwerpunkte waren die Studienvorbereitung, der Hochschulzugang und die finanzielle Unterstützung von Flüchtlingen.

 

Dabei wurde deutlich, dass die regio­nale Vernetzung mit allen Akteuren (Bundesagentur für Arbeit, Aufnahmeeinrichtungen, Flüchtlingsräte, kommunale Initiativen, Wohlfahrtverbände etc.) und eine frühzeitige Bildungsberatung wichtige Grundlagen bilden.

 

Dann muss eine passgenaue Studienvorbereitung folgen, um die Chance für ein erfolgreiches Studium zu gewährleisten. Mit Sprachkenntnissen, die ein akademisches Studium ermöglichen, sollten auch kulturelle und gesellschaftliche Werte vermittelt werden, um die Integration der Flüchtlinge erfolgreich zu befördern. Digitale Lernformen können eine gute Ergänzung zu bestehenden Strukturen sein, sie können aber das Lernen in der Gruppe nicht ersetzen. Gerade durch Kriegs- und Fluchterlebnisse belastete Studieninteressenten brauchen persönliche Ansprache und Begleitung.

 

Es gehört auch zur Verantwortung für die studierwilligen Flüchtlinge, dass für sie die gleichen Qualitäts- und Leistungsstandards beim Hochschulzugang und während des Studiums gelten müssen wie für alle anderen Studierendengruppen. Die Zulassung der geflüchteten Studierenden zu NC-Studiengängen fällt unter die seitens der Länder festgelegten Drittstaatenquotenregelungen.

 

Es stellen sich auch rechtliche Fragen, die schnellstmöglich zu klären sind. So besteht nach wie vor Unklarheit darüber, wie Studierfähigen ohne oder mit nur unvollständigen Bildungsnachweisen der Zugang zur Hochschule ermöglicht werden kann. Eine Rekonstruktion der Bildungsbiografien in Ergänzung mit Studierfähigkeitstest könnte ein Lösungsweg sein.

 

Bei den zu erwartenden hohen Zahlen an studierfähigen Flüchtlingen muss die vorhandene Infrastruktur deutlich ausgebaut werden. Die Hochschulen brauchen hier die Unterstützung von Ländern und Bund. Es gibt bereits entsprechende positive Signale, die den Hochschulen Mut machen, die neuen Aufgaben anzugehen. Um die begonnene Arbeit erfolgreich weiterzuführen, sind ein Monitoring und eine wissenschaftliche Begleitung erforderlich. Die Hochschulrektorenkonferenz wird den Hochschulen weiterhin eine Plattform für Austausch, Vernetzung und Beratung bieten. Wir sehen uns gemeinsam mit den Hochschulen in der Verantwortung, nachhaltige Lösungen zu finden mit dem vordringlichen Ziel, adäquate Bildungschancen zu bieten.

 

Der Text ist zuerst in Politik & Kultur 06/2015 erschienen.

Horst Hippler
Horst Hippler ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz