Die Sprache der Herzen

Integration als Teilhabe an der Demokratie

Der Nachtzug rollte durch Deutschland, ich klebte als Jugendlicher am Fenster, starrte in dunkle Wälder im Frühnebel. Was würde mich in einem Land erwarten, dessen Sprache ich nicht konnte, dessen Lebensart ich nicht kannte?

 

Im Lager Friedland erfuhr ich, auch wenn es das Wort in den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht gab, deutsche Willkommenskultur. Danach allerdings musste ich mich in der Schule und im Leben ohne professionelle Integrationshilfe durchkämpfen. Unterstützungsmaßnahmen im heutigen Sinne, also z. B. Sprachunterricht, existierten nicht. Ich wurde eingeschult und musste schauen, wie ich damit zurechtkam. Verglichen mit heute eine harte Zeit. Allerdings gab es auch keine spürbare Fremdenfeindlichkeit, und sie blieb ein unbekanntes Wort für mich in den Folgejahren.

 

Doch 1984 bereits schrieb ich in einer Anthologie des Rowohlt Verlages über Hass gegen Ausländer, über Brandanschläge in Ausländerwohnheimen, über Ängste der „Fremden“ in deutschen Städten. Ich entschloss mich, hauptberuflich in der Flüchtlingshilfe tätig zu sein und arbeitete dort sieben Jahre lang. Dieses Engagement ließ mich bis heute nie ganz los, insbesondere literarisch. Zuletzt besuchte ich Flüchtlingscamps an der syrischen Grenze, schrieb über die dortige Situation der Menschen auf der Flucht.

 

Wesentliche Fragen des Menschen auf der Flucht gestalten sich überall gleich, nämlich wie viel an Würde ihnen das Exilland gewährt.

 

Exilerfahrung prägt für ein ganzes Leben. Negativ oder positiv – das hängt maßgeblich von den Erfahrungen in den Anfangszeiten ab. Welche Bereitschaft das neue Land bietet, mit den selten offenbarten Schmerzen fertig zu werden, die jeder Exilsuchende im Herzen trägt. Eine schmerzdurchdrungene Hoffnung auf ein neues Leben, ohne das Zurückliegende vergessen zu können und zu wollen.

 

Während meiner beruflichen Arbeit mit Flüchtlingen in den 1980er Jahren habe ich gelernt, dass es nicht ausgereicht hat, Sprachlehrer, Sozialpädagoge, Psychologe zu sein. Es kommt auf das Zuhören an. Integration ohne Empathie bleibt eine Hülle, in die der Ankommende gesteckt wird. Flüchtlinge lernen zwar, im neuen Land zurechtzukommen, doch die Hülle des Fremdseins werden sie nicht los.

 

Ich weiß, man kann nicht von allen aufrichtigen Helfern erwarten, dass sie das Schicksal eines Kindes, einer Frau, eines Mannes auf der Flucht in dessen ganzer Tragweite empfinden können.

 

Doch man kann lehren, wie die Würde eines Menschen am vorläufigen Ende seiner Flucht – sie wird innerlich vielleicht nie mehr ganz aufhören – zu achten sei. Ausreichende Sozialleistungen sind nicht alles. Mit dem gleichen Recht, mit dem wir von Flüchtlingen Integrationsbereitschaft erwarten, müssen wir auch ihren erlittenen, tiefen Verwundungen ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Es mag oft viele Jahre dauern, bis ein Exilsuchender die Tiefen seiner Verlustschmerzen und mitgebrachten Ängste überwunden und verarbeitet hat. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern beidseitige Hingabe und Bereitschaft, einander entgegenzukommen. So will es die Menschenwürde. Wir, die hier in Freiheit leben, müssen dazulernen. Es bedarf der Schulung von Fachkräften, damit sie Integration als eine großartige humanistische Aufgabe begreifen, bei der das Lehren und das voneinander Lernen ineinander übergehen. Obschon ich selber als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, habe ich während meiner Flüchtlingsarbeit darauf geachtet, dass ich lernbereit bleibe, dass jede Fluchterfahrung ein individuelles Leid ist.

 

Die Lehrbücher, die Maßnahmen waren gleich. Die Begegnungen und der Umgang verlangten in mir ein Eingehen darauf, ob jemand aus Osteuropa, aus Chile, aus Eritrea oder aus Vietnam Asyl in Deutschland gesucht hat. Auch das ist ein Gebot der Menschenwürde. Integration in einer Demokratie muss auch die Sprache der Herzen sprechen.

 

Wir sollten die Worte des deutschsprachigen Dichters Adelbert von Chamisso, eines hervorragend eingebürgerten französischen Flüchtlings in deutschen Landen des 18. Jahrhunderts, nicht vergessen: „Überall bin ich der Fremde. Ich wünsche mir so sehr, alles zu umarmen. Aber alles entgleitet mir.“

 

Integration ist ein langwieriger Prozess. Wir brauchen die historische und die gegenwärtige Erfahrung von Menschen, die als Flüchtlinge, als Migranten zu uns gekommen waren, die hier heimisch geworden sind, um mit ihnen angemessene, nachhaltig hilfreiche Konzepte einer Integrationspolitik für Gegenwart und Zukunft zu entwickeln. Integration begriffen als gegenseitige Partizipation, als gemeinsame Teilhabe an der Demokratie.

 

Die großen Herausforderungen durch Abermillionen Menschen weltweit auf der Flucht werden auch in absehbarer Zeit dringend nach internationalen Lösungen verlangen. In diesem Rahmen wird in Deutschland eine innovative Politik der Partizipation weiter zu entwickeln sein.

 

Rechtspopulismus, rechtsextremer Fremdenhass, Demokratiefeindlichkeit sowie Abschottung und Ausgrenzung wären dabei abscheuliche Ratgeber.

 

Unsere humanistische, demokratische Werteordnung gilt es mit einer würdevollen Aufnahmebereitschaft untrennbar zu verschmelzen.

Imre Török
Imre Török ist Schriftsteller und Mitglied des PEN. Er war 2005 bis 2015 Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS).