Die Ankommenden

Worum müsste es (auch) in einem Integrationsprogramm "Kunst/Kultur" gehen?

Natürlich gibt es nicht „die Geflüchteten“. Es kamen und kommen Millionen von unterschiedlichen Persönlichkeiten: Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Arme, Reiche, Gebildete und des Lesens und Schreibens Unkundige. Sie sind – von Nordafrika bis Sri Lanka – von völlig unterschiedlichen Kulturtraditionen und Religionen geprägt, sie sprechen Hunderte von unterschiedlichen Sprachen bzw. Dialekten. Aber sie alle haben den Verlust ihrer Heimat, oft ihrer Familie, und traumatische Fluchterfahrungen hinter sich und eine Mauer von Fremdheit vor sich. Aber sie kommen mit großer Hoffnung – sei es, dass sie den Krieg hinter sich lassen können, den Hunger, die Perspektivlosigkeit der fehlenden Arbeit, Unfreiheit und Verfolgung. Leider haben ihre Erwartungen oft wenig mit der Realität und den Möglichkeiten im Ankunftsland zu tun. Viele wollen nach der ersten Erleichterung, in Sicherheit angekommen zu sein, langfristig zurückkehren, unbedingt, und suchen zugleich eine Heimat in der Fremde. Dieser „double bind“ ist von großer Bedeutung: Es ist offen, wie und wo sie ihre eigene Zukunft in naher oder ferner Zukunft sehen. Egal, wie sie sich entscheiden – Kompetenzgewinn streben die meisten an, ob sprachlicher, manueller, bildungsbezogener, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, ob für ihr Leben im Exil oder für eine mögliche Rückkehr. Beispielhaft fördert das Auswärtige Amt im UNESCO-Kontext das „Archaeological Heritage Network“, in dem Syrerinnen und Syrer inner- und außerhalb der syrischen Grenzen auf ihre zukünftige Wiederaufbauarbeit vorbereitet werden, mit einem besonderen Augenmerk auf junge geflüchtete Fachleute. Es geht um Identität und Verantwortung.

 

Willkommen oder anerkannt? Wir wissen wenig über die Menschen, die kommen. Doch dieses Wissen ist bei aller Grobmaschigkeit relevant, um wenigstens geringfügige Parameter zu gewinnen, die auf kulturelle Bedürfnisse, Interessen und Aktivitäten der Geflüchteten hinweisen, wobei vor zu einfachen Rückschlüssen zu warnen ist. So kann eine Kultur, die Schriftlichkeit nicht ausgeprägt hat, eine hohe Erzählkultur und Musikpraxis aufweisen. Bildung kann somit nicht mit kulturellen Interessen gleichgesetzt werden – nirgendwo! Am ehesten sind Hinweise zu gewinnen, aus denen Strate gien für eine rasche Integration auf dem Arbeitsmarkt zu entwickeln sind, wo Geflüchtete also rasch „nützlich“ werden könnten – also das, was seit ein paar Jahren „Willkommenskultur“ genannt wird. Das ebenso wichtige Interesse, die mitgebrachten Potenziale wertzuschätzen und als Bereicherung der vorgefundenen Kultur zu erkennen – vor 2014 „Anerkennungskultur“ genannt – hinkt dagegen weit hinterher. Im vorliegenden Kontext ist die Gruppe der professionellen Kunst- und Kulturschaffenden von besonderer Bedeutung. Sie ist zahlenmäßig keine große Gruppe, sie spielt aber für die Identität und das Selbstbewusstsein ihrer nationalen Community eine große Rolle, weil viele von ihnen die Rolle von Pfadfinderinnen und Pfadfindern in die Ankunftsgesellschaft hinein übernehmen können und aufgrund ihrer bisherigen Welterfahrung eher in der Lage sind, Beziehungen aufzubauen. Zudem verfügen viele von ihnen über Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen. Sie haben Mut, sich zu präsentieren und suchen „AndockPunkte“. Der Kontakt zu Kommunikationsnetzen innerhalb des „Kunstsystems“ ist daher für sie extrem wichtig. Es gibt im Rahmen des bislang praktizierten Registrierungssystems keine Möglichkeit, diese Gruppe der geflüchteten Kulturschaffenden tatsächlich zu überschauen und ihre Bedürfnisse zu erkunden, aber es machen sich immer mehr Theaterleute, Bildende Künstler, Musiker, Filmemacher, Kuratoren, Museumsfachleute etc. bemerkbar, sobald sie dazu sprachlich in der Lage sind. Und viele sind dies: Häufig sprechen sie Englisch oder Französisch, da sie zumindest Teile ihrer Ausbildung im Ausland absolviert haben oder eingebunden sind in ihre bisherigen, auch internationalen Künstlernetzwerke.

 

Das Wissen über die Kultur- und Kunstlandschaften in den Herkunftsländern der Geflüchteten ist hierzulande insgesamt sehr dürftig. Wir wissen mittlerweile mehr über Splitterbombentypen als beispielsweise über ihre Literatur. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der relevanten Künstlerinnen und Künstler mittlerweile bzw. seit Langem im Exil leben und sich eher in der Kulturlandschaft ihres Gastlandes bewegen als eigene, auch ästhetische Wurzeln erkennen zu geben. Wenn nicht, so wird ihre Kunstsprache als zurückgeblieben, rein exotisch oder hierzulande nicht „salonfähig“ gewertet, es sei denn in Spezialkontexten.

 

Integration oder Versuchsanordnung für die Zukunft? Sehr grundsätzlich ist immer wieder der Gebrauch des Begriffs Integration zu hinterfragen. Die inzwischen von der deutschen Gesellschaft gewählte Bedeutung und sein gesellschaftspolitisches Ziel ist mittlerweile meist eines, dessen Ziel nicht Einpassung in das Vorgegebene ist, sondern Teilhabe an Entscheidungsprozessen und Zukunftsentwicklungen, aktive Partizipation an dem Diskurs, der Wechselwirkungen und Veränderungen auslöst bei allen am Diskurs Beteiligten. Die besonderen kommunikativen und diskursiven Potentiale kultureller Aktion prädestinieren Kunst und Kultur geradezu, Teilhabe zu erproben, als „Contact zone“ (Tomás Ybarra-Frausto) bereitzustehen, sich als „Versuchsanordnung für Zukunft“ zu öffnen. Kultur hat das Potential, als Kommunikationsplattform zu dienen. Kunst und Kulturprojekte können als „gemeinsame dritte Sache“, als Fokus, als Labor für Situationen des gemeinsamen Agierens und als Plattformen des gemeinsamen Gesprächs dienen, die Kennenlernen und Handeln auf verschiedenen Ebenen ermöglichen – außerhalb der unmittelbaren Konfliktsituationen, in denen Kontakt sonst alltäglich stattfindet, außerhalb von existentiellem Leistungsdruck und relativ frei von Angst. Manchmal geht es „nur“ darum, Gelegenheit, Raum und Zeit zu schaffen, um sich gegenseitig zuzuhören. Damit kann der kulturellen Dimension eine Schlüsselfunktion für gesellschaftliche Integration zukommen, die gegenseitiges Verstehen und nicht einseitiges Anpassen, verantwortungsbewusstes gemeinsames Entwickeln von Neuem und nicht Aufgabe von Identität bedeutet. Die Potentiale kultureller Teilhabe können sich jedoch nur dann entfalten, wenn Barrieren und Stolpersteine von allen und für alle, die beteiligt sein sollen und wollen, beseitigt werden, wie z. B. ein verlässlicher Aufenthaltsstatus, fehlende politische Partizipation auf verschiedenen Ebenen, ungleiche Bildungsvoraussetzungen und -chancen, ein schwieriger Zugang zum Arbeitsmarkt, Diskriminierung von Frauen, Genderungerechtigkeit, zu häufig menschenunwürdige oder exkludierende Lebens- und Wohnverhältnisse, fehlende oder mangelhafte Kultursensibilität im Alltag wie im Wertekanon.

 

Handlungsempfehlungen für langfristige strukturelle Entwicklungen innerhalb der Kulturlandschaft:

  • Kennenlernen, Respektieren, Sicherung und Präsentation der Heimatkultur der Geflüchteten
  • Kultursensible und qualifizierte Präsentation der Arbeiten geflüchteter Künstlerinnen und Künstler (Achtung: Gefahr patriarchaler Umgangs formen – darum nicht einfach den es gut meinenden Kirchengemeinden und soziokulturellen Orten überlassen!)
  • Identitätsfördernde Lebens-, Qualifizierungs-  und Arbeitsmöglichkeiten nach beiden Seiten – Heimat wie Zukunft
  • Förderung der interkulturellen Öffnung (verschiedene Programme auf lokaler, Länder- und Bundesebene), Kompetenztraining für Kultursensibilität in autochthonen Kultureinrichtungen, Einrichtung von Praktika, Volontariaten und Zeitverträgen bis hin zu Festanstellungen
  • Intensivierung und Vervielfachung von Patenschaftsmodellen (z. B. www.berlin-mondiale.de)
  • Modelle der Künstlerförderung (auch mit punktueller positiver Diskriminierung), Stipendien und Qualifizierungen
  • Förderung und weitere Öffnung von Bibliotheken als Integrations-Kompetenzzentren: Umgang mit Sprache über Sprachkurse hinaus, Neue Medien, Literatur in Herkunftssprachen, Sprachvermittlungsexperimente, Vermittlung von Herkunfts- und Weltliteratur („Schatz der Weltkulturen“)
  • Medienzugänglichkeit (Untertitelung, Filme auch in Sprachen der Geflüchteten)
  • Modellprojekte: Entwicklung von Treffpunkten („Basar“) für Kunst und Kultur, regionale und ethnische Ökonomie, Bildung, Vernetzung, Handwerk (z. B. in der Provinz), Modellprojekte zur kulturellen Integration auf dem Land bzw. in entlegenen Unterkünften

 

Beispiele konkreter Maßnahmen der (Kultur-)Politik:

  • Entwicklung eines Frauen-Förderungsprogramms zur kulturellen Teilhabe
  • Entwicklung eines Stipendienprogramms für Institutionen und Hochschulen, das die Flucht umstände (Zeitverlust, Kompetenznachweis verlust) berücksichtigt
  • Qualifizierungsprogramme für geflüchtete Künstlerinnen und Künstler in Zusammen-arbeit mit Berufsverbänden und Bundesakademien, Öffnung der Kunsthochschulen (siehe z. B. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Weißensee Kunsthochschule etc.)
  • Schaffung von Stellen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes für Geflüchtete, Einrichtung von „Beschäftigungsgelegenheiten“ durch die Bundesagentur für Arbeit
  • Filmprogramme in Herkunftssprachen und aus Herkunftsländern (Mobiles Kino)
  • Projektförderung für zentrale kulturelle Eigenaktivitäten der Geflüchteten (z. B. „Syrian Expat Philharmonic Orchestra“, Instrumentalunterricht für die mit-migrierten Instrumente)
  • Sonderfonds „Brückenbauer-Refugee-Fonds“: zugänglich für alle, die in ihre Aktivitäten Geflüchtete einbeziehen wollen und dazu „Refugee-Agenten“, möglichst mit Migrationserfahrung, brauchen
  • Förderung von Kompetenzzentren kultureller Integration in allen Bundesländern (in Kooperation mit Stiftungen) in Partnerschaft zwischen Autochthonen und Allochthonen
  • Modellhafte Öffnung von Kulturinstitutionen als Begegnungsorte mit vielfältigen Zugangsformen
  • Ermöglichung selbstbestimmter Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler: Ateliers, Probenräume, Präsentationsmöglichkeiten
  • Qualifizierung von Künstlerinnen und Künstlern sowie Kulturpädagoginnen und Kulturpädagogen mit Fluchterfahrung für Willkommensklassen und kulturelle Bildungsangebote im schulischen und außerschulischen Kontext
  • Verstärkter Fachdialog mit anderen „Zuständigkeitsbereichen“ (Ministerien und Verwaltungen), um weitere Ressourcen für kulturelle Integration und Teilhabe zu aktivieren (z. B. BMI und BAMF, Städtebau, Arbeit und Soziales, Jugend und Familie, Bundesagentur für Arbeit, Medienboards, Filmförderung)
  • Modifizierte Weiterentwicklung von „Kultur macht stark“

Und dies alles nicht auf Kosten der hier unter prekären Verhältnissen lebenden und arbeitenden Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffenden.

 

Der Text ist zeurst in Kultur bildet. Nr. 9 erschienen.

Dorothea Kolland
Dorothea Kolland ist Freie Kulturberaterin und arbeitet im Sprecherrat des Bundesweiten Ratschlags für Kulturelle Vielfalt mit