Der Integrationsschlüssel

Schulische Bildung von Geflüchteten

Die politische Diskussion in Deutschland und Europa ist derzeit von kaum einer anderen Frage derart bestimmt wie vom Flüchtlingsthema. Dabei gerät allzu schnell in den Hintergrund, wie diese Menschen in unsere Gesellschaft integriert werden können.

 

Ich bin dankbar, dass es einen Grundkonsens in unserer Gesellschaft gibt. Dieser Konsens lautet: „Bildung ist der Schlüssel für eine gelingende Integration“. Diese Aussage ist Ausdruck des Vertrauens in die Integrationsleistung durch Bildung. Sie ist aber zugleich mit einer Erwartung an das Gelingen von Bildungsanstrengungen verbunden.

 

Etwa ein Drittel der Menschen, die seit Ende 2015 nach Deutschland kamen, sind Kinder und Jugendliche. Mit ihrer kulturellen Vielfalt sind sie für die Schulen Aufgabe, Herausforderung und Chance zugleich.

 

Schulische Bildung

Nicht ohne Stolz kann ich aus allen Ländern berichten, dass die Schulen die Aufgabe in vollem Maße angenommen haben. Die Kultusministerkonferenz (KMK) würdigt daher ausdrücklich die enormen Anstrengungen und großen Leistungen der Akteure in allen Bildungsbereichen und ehrenamtlich Tätigen, die bei der Integration von schutzsuchenden Kindern und jungen Menschen in unser Bildungssystem und damit in unsere Gesellschaft mitwirken.

 

Die Länder legen großen Wert darauf, dass Bildung von Anfang an unabhängig vom Aufenthaltsstatus organisiert wird. Kinder von Asylsuchenden im schulpflichtigen Alter unterliegen in allen Ländern der Schulpflicht, teilweise mit Wartefristen. In den meisten Ländern laufen die regulären Maßnahmen zur schulischen Integration an, sobald eine Familie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen hat und einer Kommune zugewiesen wurde. In einzelnen Ländern gibt es auch Angebote zur Beschulung in den Erstaufnahmeeinrichtungen.

 

Sprachförderung und schulische Integration

Das sichere Beherrschen der deutschen Sprache und eine altersgemäße Sprachkompetenz sind unabdingbare Voraussetzungen für die Integration in Schule, Beruf und Gesellschaft.

 

Für die schulische Integration und die Sprachförderung minderjähriger Geflüchteter liegen in den Ländern Konzepte vor, die auf die Gegebenheiten vor Ort abgestimmt sind. Junge Geflüchtete erwerben in Vorkursen oder Sprachlernklassen erste Deutschkenntnisse. Das Ziel ist ein rascher Übergang in das reguläre Schulsystem. Soweit, wie es möglich ist, nehmen die Kinder und Jugendlichen zeitweise auch schon am Regelunterricht teil, z. B. am Sport-, Musik- oder Kunstunterricht.

 

Andere Länder gehen den Weg über die schnelle Integration in die Regelklassen mit ergänzender Sprachförderung. Der Erfolg der verschiedenen Ansätze hängt sicherlich von der konkreten Umsetzung und den Voraussetzungen vor Ort ab. Eine kleine Schule im ländlichen Raum wird keine eigene Sprachlernklasse einrichten können. Hier wird in der Regel der integrative Ansatz mit zusätzlicher Sprachförderung gewählt werden müssen. Andernorts wird die Integrationsleistung von Schulen durch eine hohe Zahl von neu zugewanderten Schülern gefordert sein. Nehmen Sie das Beispiel Bremen: Zwischen August 2015 und April 2016 haben die Schulen dort 2.491 neu zugewanderte Schüler aufgenommen. Aktuell sind 7,2 Prozent der Schülerschaft in Bremen neu zugewanderte Schüler aus 61 Nationen, 71 Prozent davon sind Flüchtlingskinder vor allem aus Syrien, Irak, Serbien, Kosovo und Albanien, 29 Prozent stammen aus der Zuwanderung durch die EU-Osterweiterung, vor allem aus Polen und Bulgarien. Fast jede Bremer Schule beherbergt eine der aktuell 161 existierenden Vorbereitungsklassen. In Nordrhein-Westfalen z. B. ist die Zahl der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zwischen Oktober 2015 und Oktober 2016 um ca. 41.000 gestiegen.

 

Schulorganisatorisch ist die Eingliederung der neu zugewanderten Kinder in das schulische System eine große Herausforderung: Einerseits müssen die Raumkapazitäten für neue Vorbereitungsklassen geschaffen und neue Lehrkräfte für diese eingestellt werden. Andererseits bedeutet der Übergang dieser Kinder und Jugendlichen in das Regelsystem aber auch, dass reguläre Klassengrößen so gestaltet werden müssen, dass eine spätere Aufnahme neu zugewanderter Kinder nach Abschluss der Vorbereitungsklassen rein zahlenmäßig auch möglich wird.

 

Ein wichtiges Element zur Qualitätsentwicklung der sprachlichen Erstintegration ist die Einführung des Deutschen Sprachdiploms der Kultusministerkonferenz (DSD) in mehreren Ländern. Nach einer erfolgreichen Pilotierung in Hamburg nutzen mittlerweile neun Länder die in gemeinsamer Verantwortung von Bund und Ländern organisierten Sprachdiplomprüfungen. Für die Schüler ist die Möglichkeit, bereits nach einem Jahr ein international anerkanntes Sprachzertifikat zu erwerben, ein hilfreiches, motivierendes Element.

 

Einzelne Länder haben zudem eigene qualitätssichernde Maßnahmen im Rahmen ihrer Sprachförderkonzepte entwickelt.

 

Gewinnung von Lehrkräften

Eine der Herausforderungen, die sich aus der großen Zahl von jungen Menschen mit Fluchthintergrund ergeben, ist die Gewinnung von Lehrkräften. Um die entsprechenden Lehrkräfte zu finden, beschreiten die Länder vielfältige Wege. Schleswig-Holstein z. B. bietet aktuell allen Lehrkräften im Vorbereitungsdienst die Möglichkeit, statt der pädagogischen Abschlussarbeit eine fundierte Fortbildung im Bereich Deutsch als Zweitsprache zu absolvieren. Dieses Angebot findet regen Zuspruch und bietet die Möglichkeit, zügig viele Lehrkräfte entsprechend zu qualifizieren. Andernorts werden Teilzeitlehrkräfte aufgestockt und auch pensionierte Lehrkräfte wurden angefragt, ob sie sich stundenweise einbringen können.

 

Zudem gibt es in den Ländern verschiedene Maßnahmen zur Fort- und Weiterbildung im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Deutsch als Fremdsprache (DaF). Auch in der grundständigen Lehrkräfteausbildung spielt der Erwerb von Kompetenzen in den Bereichen Umgang mit Heterogenität, Sprachförderung DaZ und interkulturelles Lernen eine zunehmende Rolle. Dabei geht es immer um den dreifachen Auftrag der sprachlichen Bildung, der Vermittlung von Alltagskompetenzen und nicht zuletzt der Vermittlung demokratischen Denkens und Handelns.

 

Berufliche Bildung – Kernstück der Integrationsarbeit

Ein zentrales Ziel der Länder ist es, Geflüchtete in eine berufliche Ausbildung zu bringen. Die berufliche Integration und die Teilhabe am Arbeitsleben sind wesentliche Voraussetzungen für eine langfristig erfolgreiche soziale Integration in die Gesellschaft. Doch nur ein kleiner Teil dieser Menschen bringt die für eine unmittelbare berufliche Integration erforderlichen Kompetenzen, Voraussetzungen und Sprachkenntnisse bereits mit.

 

Für eine schnelle und zielgerichtete Integration von Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive müssen der Bund und die Länder bestehende Instrumente in der Berufsvorbereitung und -ausbildung sowie zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt bedarfsgerecht einsetzen und weiterentwickeln. Exemplarisch sei Hamburg genannt, das seit Februar 2016 eine „Dualisierte Ausbildungsvorbereitung“ mit integrierter betrieblicher Sprachförderung als Regelangebot für alle neu zugewanderten Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren anbietet, die nicht über einen Ausbildungsplatz verfügen.

 

Bei den nicht mehr schulpflichtigen jungen Menschen haben Anfang 2016 die KMK und die zuständigen Bundesministerien und Fachministerkonferenzen Vereinbarungen zur besseren Abstimmung und zum passgenauen Ausbau bestehender Maßnahmen von Bund und Ländern getroffen.

 

Für die Bildungspolitik stellt sich nicht die Frage, ob wir den Integrationsprozess angehen, sondern wie wir ihn gestalten. Je früher wir in Kindergärten, Schulen und Betrieben mit der Integration durch Bildung beginnen, umso besser: für die Geflüchteten selbst, aber auch für unsere Gesellschaft.

Udo Michallik
Udo Michallik ist Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK).