Achtung: Identitäts- & Wertefalle!

Integration in Pluralität: Hans Jessen im Gespräch mit Wolfgang Huber

Hans Jessen: Bischof Huber, Integration ist immer auch eine Frage von Identität. Wer sich der eigenen Identität bewusst ist, tut sich leichter mit Integration. So die gängige These. Sie warnen vor einer „Identitätsfalle“ – worin besteht die?
Wolfgang Huber: Identitätsfalle ist ein Ausdruck, der auf den indischen Nationalökonomen, Nobelpreisträger und großartigen Philosophen Amartya Sen zurückgeht. Das Argument lautet: Jeder Mensch hat eine multiple Identität. Wir sind Männer und Frauen, haben einen unterschiedlichen Bildungsgrad, ein unterschiedliches Alter, unterschiedliche Hobbys, Leidenschaften, Berufe, kulturelle Aktivitäten und Interessen, Sprachen, Nationalitäten, religiöse Zugehörigkeiten … Das Geheimnis menschlicher Identität ist, diese Pluralität zu integrieren. Die Falle besteht darin, Menschen auf ein Identitätsmerkmal zu reduzieren. Ein anschauliches Beispiel dafür: Es gibt im Fußball-Fanbereich „Ultras“, die die ganze Woche über nichts anderes machen, als ihre Fußball-Identität zu polieren und auf den nächsten Samstag hinzuarbeiten, an dem sie das dann in voller Wucht entfalten. Man sieht daran auch, was die Gefahr ist: Diese Gleichsetzung, die ein Mensch da selber mit einem Identitätsmarker vornimmt, hat eine solche Wucht, dass sie sich sehr leicht in Gewalt entlädt. Die Falle besteht darin, dass auch bei der Fremdwahrnehmung von Menschen die Reduktion auf ein Merkmal dazu führt, dass sich das Konfliktpotenzial verschärft.
Die Religion, ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist dabei stark gefährdet: Wir haben 2001 einen terroristischen Anschlag gehabt, der religiös motiviert war – 9 /11. Wir kennen das Handbuch der Terroristen und die Rolle, die der Islam dabei gespielt hat. Die Reaktion darauf war, dass wir von diesem Augenblick an Menschen aus den fraglichen Ländern nur noch unter dem Gesichtspunkt angeschaut haben, dass sie Muslime sind. Wenn Sie sich im deutschen Fall daran erinnern, wie wir bis 2001 Menschen aus der Türkei, aus dem Libanon, aus dem Maghreb, aus anderen Regionen bezeichnet haben, dann haben wir gesagt: „Wir haben so viele Menschen aus der Türkei, so viele Menschen aus Nordafrika bei uns, so viele Menschen aus Syrien“, und so fort. Seit 2001 reden wir nur noch darüber, wie viele Muslime in Deutschland leben und machen dabei zweierlei: Wir reduzieren die Identität von zuwandernden Personen ganz auf ihre Religionszugehörigkeit. Und wir verleugnen dabei gleichzeitig die innere Differenzierung, die es innerhalb des Islam gibt. Das ist eine kulturelle Zuschreibung, die konfliktfördernd und gerade nicht integrierend ist. Deswegen sage ich: Man dient auch der Religion nicht damit, dass man sie zum einzigen Identitätsmerkmal einer ganzen Gruppe von Menschen macht.

 

Bedeutet dann Integration auch, dass man die Bereitschaft haben muss, gerade zu dem, was einem selbst viel bedeutet, auf kritische Distanz zu gehen?
Navid Kermani, der großartige Schriftsteller, hat in seiner Friedenspreisrede genau das behauptet. Seine These lautet: Ohne jeden Einwand lieben kann man eigentlich nur den anderen, nicht sich selbst. Auf die Religionen hat er das so übertragen, dass er gesagt hat: An der fremden Religion kann ich mich so freuen, dass ich es überhaupt nicht notwendig habe, mich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. Aber die eigene Religion, zu der kann ich eigentlich niemals ein Verhältnis haben, das nicht ein Stück Kritik enthält.
Das ist eine Grundüberzeugung, die zutiefst mit dem Wesen von Kultur zusammenhängt. Denn Kultur ist nicht nur ein Medium der Identitätsbildung, sondern ein Medium der Kritik, der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, daher auch der Weiterentwicklung der eigenen Identität. Es ist vollkommen richtig, wenn man feststellt: Integration im Feld und mit Mitteln der Kultur meint eine Integration, die im Verhältnis zur eigenen Identität die kritische Auseinandersetzung einschließt.

 

Integration wird hauptsächlich von denen erwartet, die neu in diese Gesellschaft kommen. Aus dem, was Sie eben gesagt haben, kann man auch schließen, dass eigentlich eine mindestens ebenso große Arbeit von denen, die schon immer als Mehrheitsgesellschaft hier leben, abverlangt werden muss?
Man muss doch ganz elementar sagen: Integration in dem Sinn, in dem wir darüber sprechen, nämlich der Prozess des Zusammenfindens von Verschiedenen, ist ein wechselseitiger Prozess. Es ist eine vollkommen falsche Vorstellung, anzunehmen, Integration vollziehe sich dadurch, dass Menschen, die dazukommen, sich einfach einfügen in dasjenige, was da ist. Der Klarheit halber füge ich hinzu: Ich bin skeptisch gegenüber der schroffen Antithese zwischen Integration und Assimilation. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass der Integrationsprozess auch ein Assimilationselement enthält, an dem man nicht herumdeuteln sollte. Aber es geht um einen wechselseitigen Prozess. Jede Integration enthält die Aufgabe wechselseitiger Wertschätzung. Man muss neugierig aufeinander sein. Man muss herausfinden, was einem am anderen besonders wichtig und wertvoll ist. Man muss respektieren, was der andere wertschätzt. Es ist ganz einfach so: Nur wer selber weiß, was ihm wichtig ist, entwickelt ein Sensorium dafür, was dem anderen wichtig ist. Ich glaube, unsere Gesellschaft hat das Problem eines mangelnden Zutrauens zu dem, was ihr selber wichtig ist. Wer dieser Diagnose zustimmt, weiß, wo das Integrationsproblem der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland liegt.

 

Woran machen Sie die These des mangelnden Zutrauens zu dem, was uns oder dieser Gesellschaft wichtig ist, fest?
Immer wieder habe ich Anlass, mit Menschen über Werte zu reden. Oft sagen die Gesprächspartner: „Wir brauchen Werte. Der Werteverlust ist etwas Schreckliches.“ Dann frage ich: „Welche Werte meinen Sie denn?“ Die Sprachlosigkeit, die sich dann ausbreitet, ist wirklich sehr beeindruckend. Ich versuche bei solchen Gelegenheiten, Vorschläge zu machen im Blick auf die Werte oder die Haltungen, die für unsere Gesellschaftsform, für unsere Lebensform, für unsere Kultur charakteristisch sind. Dann gibt es erstaunliche Reaktionen. In einem Fall ist die Reaktion ganz heterogen, Menschen stellen sich etwas anderes vor. Aber wenn ich dann frage: „Wozu stehen Sie selber denn? Was ist es, was Sie gerne verteidigt sehen möchten?“, dann sind die Auskünfte sehr fragil.

 

In der politischen Debatte fällt oftmals der Begriff der westlichen Werte. Ich denke, Sie sehen den skeptisch. Kann Integration betrieben werden, indem man sagt: „Wir haben in dieser Gesellschaft ein Wertefundament, das macht die Kultur dieser bundesdeutschen Gesellschaft aus. Und wer hier leben will, wer Bestandteil dieser Gesellschaft sein will, muss sich auf diese Werte verpflichten?“
Ich sehe das in der Tat skeptisch. Der Begriff der westlichen Werte trägt das Problem in sich, dass er mit einem Überlegenheitsgestus daherkommt, der nicht gedeckt ist. Außerdem macht er nicht den notwendigen Unterschied zwischen westlichen Werten, die partikular westlich sind und nur für den Westen gelten sollen, und universalen Werten, von denen wir mit guten Gründen erwarten, dass sie für verschiedene Kulturen in gleicher Weise gelten können. Die Entwicklung des 20. Jahrhunderts hat durch die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft, des Stalinismus, der Völkermorde (insbesondere des Holocaust, aber auch des Armenien-Genozids) hindurch zu der Einsicht geführt: Wir brauchen die Anerkennung bestimmter universaler Werte. Deswegen kam es zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zur Verpflichtung der Völkergemeinschaft auf den Respekt vor der gleichen Würde aller Menschen. Wir sollten diesen Kern einer universalen Moral und eines universalen Rechts verteidigen, ohne ihn für eine westliche Erfindung zu halten oder mit einem westlichen Überlegenheitsanspruch zu verbinden. An der Entwicklung dieser Konzeption waren auch Menschen aus anderen Kulturen, aus China, aus dem Nahen Osten beteiligt. Formuliert wurden diese Werte, weil sie in Teilen des Westens so schmählich verraten worden waren. Deshalb sollten wir diesen universalen Kern einer Menschheitsmoral in den Vordergrund rücken.

 

Was wir im Moment erleben in der politischen und gesellschaftlichen Debatte und Entwicklung ist weniger eine Öffnung hin zu einem universalen, menschenrechtsorientierten Wertebegriff, sondern in vielen Fällen eher engere Grenzziehung, Abgrenzung, Abschottung. Es sind auch Formen von kulturellen Verengungen, die da stattfinden. Das Gegenteil von dem, was Sie gerade einfordern.
Soweit man das feststellen muss, ist es zu beklagen. Es ist auch nicht vollkommen überraschend, weil wir es schon lange kommen sehen konnten, dass auf Globalisierungsprozesse mit Rückzugsmanövern auf eine eigene partikulare Identität geantwortet wird. Das geht weithin auf Kosten der Verknüpfung mit dem, was wir heute an Menschheitsmoral, an kosmopolitischem Denken brauchen. Umso wichtiger ist es, dass wir es uns selber zur Aufgabe machen, beides miteinander zu verbinden, und das, was uns selber prägt, nicht unter Wert zu verkaufen. Was ich damit meine, illustriere ich an einem Beispiel: Als wir den Terroranschlag in Paris im November 2015 hatten, hieß es: Das ist ein Anschlag auf unsere Kultur. Die Fernsehillustration dafür war, dass man Menschen sah, die im Herbst auf der Straße, im Café einen abendlichen Drink nahmen, Menschen, die leicht bekleidet an der Mittelmeerküste spazieren gingen, Menschen, die in einer Diskothek laute Musik hörten und tanzten.

 

Westliche Lebensweise.
Ich habe gegen keine dieser drei Tätigkeiten irgendeinen Einwand. Aber ich glaube, dass wir die westliche Identität unvollständig präsentieren, wenn wir diese Aspekte einer konsumorientierten Lebensform als Inbegriff dieser Identität ausgeben. Man darf sich nicht wundern, wenn die Kehrseite dieser Art konsumorientierter Vergleichgültigung eine andere Art von Engführung ist, die auf überholte Formen nationaler Identität zurückgreift, die die Abgrenzung vom Fremden, also die Produktion eines Feindbildes zum Mittel der Vergewisserung der eigenen Identität macht. Zu kultureller Integration gehört für mich deshalb ein neues Nachdenken darüber, was uns selber wichtig ist. Dabei wird sich zeigen, dass der Respekt vor dem Fremden ein nicht aufzugebender Bestandteil unserer eigenen Identität ist.

 

Die Art und Weise, wie wir uns über die Notwendigkeit von Identitätsbildung und die Schwierigkeit von Integrationsprozessen unterhalten, drücken auch die Versäumnisse einer kritischen Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Vergangenheit aus?
Es bleibt leider wahr, dass wir den Übergang zu einer Gesellschaft radikaler Pluralität zu lange geleugnet haben. Wir haben uns zu lange am Bild einer vermeintlichen kulturellen Homogenität der Gesellschaft festgehalten. Die Debatte darüber, ob wir eine Einwanderungs- oder eine Zuwanderungsgesellschaft oder keins von beidem sind, wirkt heute skurril auf uns. Sie liegt bloß überhaupt nicht lange zurück. Immer wieder haben wir Möglichkeiten für diese Diskussion verstreichen lassen. Plötzlich sagen wir, die Flüchtlingsentwicklung der letzten zwei Jahre habe uns dazu genötigt, sie zu führen. Haben denn nicht die Zeiten der italienischen Gastarbeiter, der türkischen Zuwanderung, der Flüchtlingsbewegung aus dem Balkan diese Diskussion bereits notwendig gemacht? Schon bei diesen früheren Gelegenheiten wäre es richtig gewesen, zwischen der Legitimität der Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen und der ganz anders gearteten Legitimität wegen politischer Verfolgung oder der Gefährdung von Leib und Leben in Bürgerkriegssituationen zu unterscheiden. Dass wir mit dieser Differenzierung noch heute so große Schwierigkeiten haben, zeigt, dass wir leider in den zurückliegenden Jahrzehnten viel versäumt haben und uns jetzt auf Lernprozesse einlassen müssen, die wir besser schon früher durchlaufen hätten.

 

Lässt sich die homogene Gesellschaft zurückholen?
Nein. Die homogene Gesellschaft in der Vorstellung eines durchgängig gleichen kulturellen Kanons lässt sich schon deswegen nicht zurückholen, weil es keine Mehrheitsgesellschaft gibt, die einen solchen Kanon repräsentiert. Zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlichen kulturellen Milieus in unserer Gesellschaft besteht doch bereits eine kulturelle Pluralität. Sie bildet sich nicht erst durch Menschen, die von außen dazukommen. In diesem umfassenden Sinn muss kultureller Zusammenhang heute hergestellt werden. Doch genau genommen handelt Kultur von Anfang an von Verschiedenheit. Warum beschäftigen wir uns mit Bildender Kunst? Weil Maler unterschiedlich gemalt haben. Weil wir lernen, zwischen unterschiedlichen Epochen der Malerei zu unterscheiden und innerhalb dieser Epochen zwischen unterschiedlichen Stilen. Warum erfreuen wir uns an Musik? Weil jede Generation von Komponisten den Mut hatte, im wahrsten Sinne des Wortes Unerhörtes zu komponieren. Das Bild kultureller Homogenität ist ein Phantom, das dadurch entsteht, dass wir auf die Vergangenheit einheitliche, kanonische Vorstellungen von dem projizieren, was Kultur ausmacht. Dabei handelt es sich jeweils um einen Ausschnitt aus der Pluralität, der für frühere Generationen als Kanon verpflichtend war. Jetzt merken wir: Das Wesen der Kultur besteht in Pluralität. Heute haben wir es allerdings mit verschärfter Pluralität zu tun, die auch die Tiefenschicht gelebter Überzeugungen betrifft. Wir haben es also mit dem Ernstfall kultureller Pluralität zu tun. Umso dringlicher ist es, dass wir eine Basis wechselseitiger Anerkennung und wechselseitigen Respekts gewinnen, indem wir uns auf die universalen Werte einer von allen anzuerkennenden Menschenwürde und elementarer Menschenrechte verständigen. Auf dieser Basis können wir mit Pluralität gelassen umgehen. Dafür müssen wir allerdings klare Grenzen definieren, die immer dann zur Geltung gebracht werden müssen, wenn Menschen mit Missachtung, mit Hass oder Gewalt gegen andere vorgehen.

 

Die Initiative Kulturelle Integration möchte bis zum internationalen Tag der kulturellen Vielfalt Thesen zur kulturellen Integration erarbeiten. Im Lutherjahr gefragt: Welches sind die zentralen Begriffe dieser Thesen, wenn man sie an die Tür des Kanzleramtes nageln wollte?
Es ist kein Zufall, dass die Reformation im Kern eine Bildungsbewegung war. Daraus möchte ich als erstes die These ableiten, dass Integration in ihrem Kern ein wechselseitiger Bildungsprozess ist. Die Bildungsgehalte für die in Deutschland Geborenen und Aufgewachsenen, der deutschen Sprache Mächtigen, sind andere, aber sie sind genauso groß wie die Bildungsprozesse für diejenigen, die zuwandern. Im Übrigen dürfen wir angesichts der Zuwanderung die großen Bildungsaufgaben bei denjenigen, die in zweiter, dritter Generation hier leben, nicht vergessen. Da gibt es auch noch nicht vollendete oder abgebrochene Integrationsprozesse. Das ist die erste These: Integration ist Bildung. Die zweite These heißt: Integration schließt religiöse Bildung ein. Ein geklärtes Verhältnis zur eigenen religiösen Identität ist dabei genauso wichtig wie die Fähigkeit zur Wahrnehmung anderer religiöser Identitäten. Als dritte These will ich hinzufügen: Integration soll Menschen helfen, von ihrer Freiheit einen verantwortlichen Gebrauch zu machen. Dabei ist die Freiheit derjenigen, die zu uns kommen, genauso wichtig wie die Freiheit derjenigen, die bereits in unserer freien Gesellschaft zu Hause sind. Von daher schließe ich in einer vierten These mit einem Blick auf den gemeinschaftlichen Aspekt der Integration: Wir wollen miteinander unter dem Dach der Freiheit leben. Deshalb sind wir miteinander für die Bewahrung und Weiterentwicklung einer freiheitlichen Gesellschaft verantwortlich. Auch Zuwandernde müssen in diese Mitverantwortung einbezogen werden.

Wolfgang Huber & Hans Jessen
Wolfgang Huber ist Theologe, Professor und Publizist. Bis 2009 war er Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Hans Jessen ist freier Journalist und Publizist. Er war langjähriger ARD-Hauptstadtkorrespondent.